Mental-Health-Workshops können auch schaden

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Titelbild Mental Health Workshops

In der Schule über Mental Health zu reden, kann manchmal sogar schaden. Angelika Purkathofer, Fachärztin für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin, erklärt, worauf Lehrkräfte achten können.

Sie sagen, psychische Gesundheit in der Schule zu thematisieren, ist gar nicht immer und uneingeschränkt hilfreich. Warum ist das so?

Es gibt einige Studien, die darauf hinweisen, dass es gar nicht immer so gesund ist, über psychische Erkrankungen zu reden. Eine großangelegte britische Studie mit 30.000 Jugendlichen hat etablierte Schulprogramme zu psychischer Gesundheit untersucht. Nach drei Monaten waren die Schüler*innen, die daran teilgenommen hatten, im Vergleich zur Kontrollgruppe besser darin, ihre eigenen Emotionen zu erkennen und sich Hilfe zu suchen. Nach zwölf Monaten war jedoch ihr persönliches Wohlbefinden schlechter als das der Kontrollgruppe.
In eine ähnliche Richtung weisen die Erkenntnisse von Lucy Foulkes, die verschiedene Studien aus den letzten sechzig Jahren ausgewertet hat, die Schulprogramme zu Achtsamkeitstraining und kognitive Verhaltenstherapie untersuchen. Dabei hat sie herausgefunden, dass in zehn Prozent der Fälle diese Programme sogar schaden. Die negativen Effekte waren bei jüngeren Kindern besonders stark, außerdem bei Buben, bei sozioökonomisch benachteiligten Schüler*innen und bei solchen, die psychisch vorbelastet waren.

Können Sie sich erklären, warum es zu diesen negativen Effekten kommt?

Dafür gibt es verschiedene Erklärungsansätze. Wer sich mit psychischer Gesundheit beschäftigt, wird besser darin, eigene Emotionen wahrzunehmen. Wenn dabei negative Emotionen auffallen, aber kein Zugang zu Hilfsangeboten da ist, verstärkt das unter Umständen die negativen Emotionen. Eine Schulklasse ist auch nicht unbedingt der beste Raum, um sensible Themen anzusprechen.

Eine kanadische Studie hat zudem festgestellt, dass der Nocebo-Effekt einen Einfluss hat. Er besagt, dass Menschen allein durch die Erwartung negativer Wirkungen diese auch wahrnehmen. Nachdem College-Studierende über ADHS aufgeklärt wurden, bemerkten sie sehr viel stärker ADHS-Symptome an sich selbst. Bei der Kontrollgruppe, die zuvor über den Nocebo-Effekt aufgeklärt wurde, war das kaum der Fall.

Jugendliche können nicht immer gut unterscheiden, was normale Gefühle sind und was Krankheitswert hat. Wenn ich in der Schule bespreche, dass Angststörungen häufig vorkommen und man sich dafür nicht schämen muss, kann das zur Entstigmatisierung beitragen. Es kann aber auch ungewollte Nebenwirkungen haben: Man nimmt an sich selbst eine ganz normale Angst wahr – etwa vor einem Referat – und befürchtet nun, dass eine Angststörung vorliegt. Das befeuert wiederum die Angst, sodass tatsächlich eine Angsterkrankung entstehen kann.

Außerdem können tatsächliche psychische Belastungen übersehen werden, wenn viele Schüler*innen fälschlicherweise den Eindruck haben, betroffen zu sein. Etwas Ähnliches ist bei ADHS der Fall: Es ist bei Burschen eher überdiagnostiziert, aber gerade bei Mädchen oder auch Erwachsenen noch unterdiagnostiziert.

Das Thema in der Schule totzuschweigen, ist vermutlich auch keine ideale Lösung. Wie kann psychische Gesundheit auf sinnvolle und hilfreiche Art Eingang finden?

Wenn tatsächlich Probleme aufkommen, macht es auf jeden Fall Sinn, das aufzugreifen – je nach Anlass in einem Einzelgespräch oder im Klassenverband.

Will man das Thema universell ohne Anlass einbringen, ist es auf jeden Fall wichtig, dabei zu betonen, dass unangenehme Emotionen zum Leben gehören und meist kein Zeichen für eine psychische Erkrankung sind. Die Adoleszenz ist ein Zeitraum großer Unsicherheit – das ist aber ganz normal. Lehrkräfte sollten darauf hinweisen, dass man möglicherweise an sich selbst Symptome entdeckt, die aber nicht notwendigerweise von einer psychischen Erkrankung kommen müssen. Man könnte im Anschluss mit den Schüler*innen reflektieren: Erkenne ich an mir selbst Symptome? Was könnte diese Symptome sonst erklären? Bin ich traurig, weil ich eine Depression habe, oder vielleicht, weil ich mich ausgeschlossen fühle? Auf jeden Fall ist es wichtig, sehr prominent auf niederschwellige Hilfsangebote hinzuweisen, sodass Schüler*innen anschließend bei Bedarf eine Anlaufstelle haben.

Mädchen mit Papierflieger Grüne Hose

Was ist wichtig, wenn man einen externen Workshop an die Schule holen will?

Auf jeden Fall empfehlen kann ich, anlassbezogen einen passenden Workshop in die Klasse zu holen – etwa, wenn es Probleme mit Mobbing gibt. Gerade bei allgemeineren Workshops würde ich dazu raten, die potenziellen negativen Wirkungen vorab mit den Workshopanbietenden zu thematisieren. Ist ihnen die Problematik bewusst und wirken sie ihr entgegen?

Worauf können Lehrkräfte noch achten?

Wenn Lehrkräfte das Gefühl haben, dass es jemandem psychisch nicht gut geht, ist es wichtig, die Person in einem geschützten Rahmen darauf anzusprechen und gegebenenfalls auf einfach zugängliche Hilfsangebote hinzuweisen. Und ich halte es für einen ganz wichtigen protektiven Faktor, dass sie jungen Menschen auf eine wertschätzende Art und Weise begegnen, ihre Gefühle ernst nehmen und darauf achten, dass sie sich nicht erniedrigt oder bloßgestellt vorkommen. Wenn in der Hektik etwas Ungewolltes herausrutscht, sollten sie sich anschließend dafür entschuldigen. Außerdem können Lehrkräfte dazu beitragen, unangenehme Emotionen zu normalisieren. Auch Lehrpersonen dürfen einmal grantig oder traurig sein. Natürlich sollten sie das nicht an den Schüler*innen auslassen, aber sie dürfen es durchaus ansprechen. So lernen Jugendliche, dass es in Ordnung ist, negative Gefühle zu haben und dass auch sie gar nicht immer glücklich sein müssen.

Was möchten Sie noch sagen?

Eines ist mir ganz wichtig: Es liegt mir fern, psychische Krankheiten zu bagatellisieren. Es hat einen Anstieg gegeben, und das müssen wir sehr ernst nehmen. Menschen mit psychischen Problemen und schwierigen Familienverhältnissen müssen unterstützt werden. Auch normale Empfindungen will ich nicht bagatellisieren. Wenn ich aus einer Gruppe ausgeschlossen werde, tut das weh. Tatsächlich werden die gleichen Hirnareale aktiv wie bei körperlichem Schmerz. Psychischer Schmerz muss ernst genommen werden – auch wenn er kein Symptom einer psychischen Erkrankung ist.

Angelika Purkathofer ist stv. Vorsitzende der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. Sie hat Medizin und Philosophie studiert und arbeitet als niedergelassene Psychoanalytikerin und Fachärztin für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin in Wien.

Angelika Purkathofer

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