Schüler*innen und Lehrkräfte berichten aus dem Schulalltag. Wie kann man mit solchen Situationen umgehen? „Rat auf Draht“ und „Teacher Support“ geben Antworten.
Weil ich für andere Schüler*innen „komisch“ wirkte, wurde ich gemobbt.
Wenn sich ein*e Schüler*in mit einem solchen Thema anvertraut, ist das ein großer Vertrauensbeweis. Es hilft, diesen Mut anzuerkennen, etwa mit einem Satz wie: „Danke, dass du das teilst, das ist wichtig und mutig.“ Ein ruhiges, vorurteilsfreies Gespräch kann viel bewirken: Behutsam nachfragen, um zu verstehen, was genau passiert ist und ob es noch aktuell ist. Je nach Situation kann ein lösungsorientierter Ansatz wie der „No Blame Approach“ hilfreich sein, um ohne Schuldzuweisungen rasch Entlastung zu schaffen. Klare Regeln für respektvollen Umgang und eine offene Gesprächskultur stärken die Sicherheit in der Klasse; bei aktuellem Mobbing kann zusätzliche Unterstützung durch Schulsozialarbeit oder Beratung sinnvoll sein.
Wir haben einen Schüler in der Klasse, der gerade eine Schwester bekommen hat. Weil er nachts oft geweckt wird, schläft er meistens im Unterricht ein. Die Lehrkräfte regen sich dann auf, aber ich finde, sie sollten Verständnis für ihn haben.
Müdigkeit, Unkonzentriertheit oder Rückzug können auf familiäre, emotionale oder gesundheitliche Belastungen hinweisen. Manche Kinder übernehmen in belastenden Familienphasen zusätzliche Verantwortung und sind dadurch oft überfordert. Ein vorurteilsfreies Gespräch, das Vertrauen schafft, kann den Zugang zu Unterstützung erleichtern. Entlastend wirken auch angepasste Aufgaben, flexible Termine und kurze Pausen. Der Austausch im multiprofessionellen Team hilft, tragfähige Lösungen zu finden. Eine empathische, lebensweltorientierte Haltung stärkt Wohlbefinden und Lernmotivation.
Ich hatte bereits mit 11 Jahren Depressionen aufgrund meiner familiären Verhältnisse – auch das Jugendamt war involviert. Es war mir unmöglich, mich auf die Schule zu konzentrieren. Weil ich im Unterricht mit den Gedanken nur zu Hause war, hatte ich schlechte Noten. Weil ich für andere Schüler*innen „komisch“ wirkte, wurde ich gemobbt. Ich hatte oft Panikattacken in der Schule und musste fast jeden Schultag abbrechen.
Depressive Symptome zeigen sich in der Schule häufig in Form von Leistungsabfall, Rückzug oder Reizbarkeit. Sie sind keine „Disziplinprobleme“, sondern Ausdruck tiefer seelischer Erschöpfung. Lehrkräfte übernehmen hier eine beobachtende, unterstützende Rolle, keine therapeutische. Sie können jedoch den schulischen Rahmen entlastend gestalten: durch Anpassung von Leistungsanforderungen, verständnisvolle Kommunikation und klare Strukturen. Gleichzeitig ist es essenziell, Unterstützungssysteme einzubeziehen. Schulpsychologie, Sozialarbeit oder externe Fachstellen müssen hinzugezogen werden, um fachgerecht zu begleiten. Eine haltgebende, zugewandte Lehrkraft kann ein entscheidender Schutzfaktor sein.
In meiner Schule habe ich erlebt, dass Lehrkräfte oft an Tagen mit Nachmittagsunterricht trotzdem einen Haufen Hausübung geben, obwohl sie wissen, dass Schüler*innen teilweise erst um 18 Uhr heimkommen. Es geht sehr auf die psychische Gesundheit, wenn man schon erschöpft und ohne Energie nach Hause kommt, aber noch zwei Stunden Hausübung machen muss.
Übermäßige Belastung führt oft zu Stress, Frust und dem Verlust von Lernfreude. Ziel ist sinnvolles Üben, das kurz, gezielt, motivierend ist. Ein abgestimmtes Vorgehen im Lehrkräfteteam verhindert, dass Schüler*innen mehrere umfangreiche Aufgaben gleichzeitig erhalten. Weniger ist dabei oft mehr: Aufgaben mit klarer Lernabsicht und Feedbackkultur fördern nachhaltiges Lernen und psychische Entlastung.
Einmal hat eine Mitschülerin von mir nach der Schularbeit geweint, weil sie einen Dreier geschrieben hat. Das ist ja eigentlich keine schlechte Note, doch sie meinte, ihre Eltern werden so enttäuscht sein, weil sie so viel mit ihr dafür gelernt haben. Das war kein Einzelfall, und ich bin immer noch bedrückt, wenn ich daran denke.
Viele Schüler*innen leiden unter elterlichem Leistungsdruck, der zu Versagensängsten und Selbstwertproblemen führt. Lehrkräfte können hier vermittelnd wirken, indem sie Eltern über realistische Erwartungen und individuelle Lernverläufe informieren. Rückmeldungen sollten den Blick auf Lernfortschritte, Anstrengung und Motivation lenken, nicht nur auf Noten. In der Klasse kann ein wertschätzender Umgang mit Fehlern gefördert werden, um eine positive Lernkultur zu etablieren, in der Kinder lernen, dass Leistung Teilentwicklung und nicht Selbstwertmaßstab ist.
Momentan habe ich aber acht verschiedene Klassen, und überall gibt es so viel Unruhe und Unterrichtsstörungen. Ich habe daheim kleine Kinder – wenn dann auch noch die Klasse laut wird, komme ich viel schneller an meine Grenzen. In der Schule gibt es ja auch keine Rückzugsorte, wo es zwischendurch mal leise ist.
Oft wird die Unruhe an der Schule als energiezehrender Faktor unterschätzt. Wenn es keine Orte für Rückzug gibt (auch das WC kann einer sein), nimm dir am Beginn der nächsten Stunde eine Minute zusammen mit deiner Klasse. Genießt diese eine Minute bewusste Stille – wenn das geübt wird, klappt das auch zunehmend besser!
Es fühlt sich an, als würde ich gegen eine Wand reden. Klar, die Schüler*innen haben einfach anderes im Kopf, aber es fällt mir extrem schwer, ihre Reaktionen nicht persönlich zu nehmen. Danach fühle ich mich emotional total ausgelaugt. Mich beschäftigt das oft noch den ganzen Tag, und ich denke darüber nach, was ich besser hätte machen können. Abschalten kann ich abends nicht. Nach nur vier Wochen bin ich mit meiner Energie schon völlig am Ende. Inzwischen überlege ich tatsächlich aufzugeben und den Beruf an den Nagel zu hängen.
Ständige Interaktion mit Menschen, vor allem mit Kindern, laugt aus – und dass Dinge persönlich genommen werden, ist nur natürlich. Oft hilft hier auch die Annahme des guten Grundes aus der Traumapädagogik: Alles, was ein Mensch zeigt, hat einen Sinn in seiner Geschichte. Wenn ich verstehe, dass das Verhalten einen guten Grund hat (auch wenn ich nicht einverstanden bin!), hilft mir das beim Einordnen, Reflektieren und Reagieren. So kann ich mich künftig besser abgrenzen, weil ich verstehe, dass es nichts mit mir, sondern viel mit meinem Gegenüber zu tun hat. Akut kannst du einmal tief durchatmen, die Hände zu Fäusten ballen und wieder lockerlassen oder in Gedanken bis fünf zählen. Das klingt alles banal, verändert aber deinen Zustand merklich.
Viele erwarten innerhalb weniger Stunden Antworten auf ihre Nachrichten (selbst wenn ich gerade im Unterricht stehe!) oder rufen mich abends an. Ich will ja gute Elternkommunikation machen, aber das stresst mich sehr.
Elternzusammenarbeit ist in unterschiedlichen Ausprägungen ein großes Thema an allen Schulen. Hier ist es wichtig, zu verstehen, dass du als Lehrperson die Kontrolle über die Kommunikation hast und den Rahmen vorgibst. Führe Regeln für Nachrichten und Anrufe ein und bleib konsequent dabei. Wenn du für dich klar definierst, wo hier deine Grenzen liegen, dann kannst du diese transparent weitergeben und einfordern, beispielsweise, dass du nach 17 Uhr oder am Wochenende keine Nachrichten beantwortest bzw. Anrufe entgegennimmst. Wenn deine Schule hier keine Vorgaben macht, geht das – das kannst du und das darfst du!
Für den kräfteraubenden und wichtigen Job, den wir machen, bekommen wir keinerlei Wertschätzung. Immer wieder tauchen Hürden auf, und niemand aus den Behörden scheint daran interessiert zu sein, sie zu beseitigen. Ich arbeite in einer Schule mit vielen sozioökonomisch benachteiligten Kindern. Ich würde für sie gern einen echten Unterschied machen. Aber das starre bürokratische System, die überfrachteten Lehrpläne, die Vorschriften zur Notengebung und auch die räumliche Situation in der Schule bringen mich da schnell an Grenzen. Ich kann ihnen zum Beispiel keine wirklichen Bewegungspausen bieten, und wir haben auch viel zu wenig Schulpsychologie und -sozialarbeit, an die ich verweisen kann. Das belastet mich sehr.
Du machst jeden Tag, jede Minute und jede Sekunde für deine Schüler*innen einen Unterschied (auch wenn es sich nicht immer so anfühlt)! Die Beziehung zu dir als konstante Bindungsperson, die da ist, ihnen Grenzen aufzeigt und ihre Neugier fördert, ist so wichtig – unabhängig von den Rahmenbedingungen. Bewegungspausen können auch einfach ein Aufstehen und Hinsetzen, Hampelmänner oder Kniebeugen am Platz sein. Mach dir bewusst, dass du jeden Tag schon so viel leistest und die Beziehung zu dir ein großes Geschenk für sie ist, welches erfolgreiches Lernen und Leistung erst ermöglicht!
Nach der Unterrichtsvorbereitung am Nachmittag muss ich also abends noch wissenschaftlich arbeiten. Ich versuche gleichzeitig, eine gute Lehrkraft zu sein und mein Studium gut abzuschließen. Ich scheitere an beidem. Ich unterrichte total gern und studiere auch gern. Aber sobald ich versuche, beides gleichzeitig zu tun, entgleitet mir beides.
So eine Doppelbelastung ist sehr kräftezehrend. Erlaube dir, dich wirklich auf eine deiner Tätigkeiten zu konzentrieren, und versuche anzunehmen, dass du nicht beides mit 100% machen kannst (die Erwartungshaltung ist von außen auch nicht da!). Deine Schüler*innen profitieren auch von 80% deiner Energie und deiner Motivation, und dein Studium vermutlich ebenso. Vielleicht hilft es dir, ein Planungstool für deine Zeitressourcen zu verwenden, Prioritäten oder Listen zu erstellen. Und vergiss nicht, dir trotzdem bewusst und regelmäßig Pausen zu erlauben!
Die meisten Kolleg*innen arbeiten auch 50 bis 60 Stunden pro Woche. Unbelastete Sommerferien kenne ich nicht. Wir sind alle extrem ausgelaugt.
Leider wird diese Mehrarbeit immer noch nicht ausreichend in der Gesellschaft und der Politik wahrgenommen und gewürdigt. Doch sie ist da und sie belastet. Was du tun kannst, ist, dass du bewusst den Druck für dich rausnimmst: Mach mehr (kleine) Pausen, auch gemeinsam mit den Schüler*innen während des Unterrichts. Der Lehrplan ist wichtig. Trotzdem profitieren sie (und auch du) sehr davon, dass du ihnen vorlebst, wie gesund gearbeitet werden kann und wie wichtig Pausen und Ruhezeiten sind! Denkt in eurem sehr engagierten Kollegium auch daran, euch gegenseitig zu unterstützen und zu stärken. So fühlt ihr euren Teamspirit und wisst, dass ihr mit den Herausforderungen nicht allein seid.
Dieser Artikel ist Teil des öbv-Whitepapers „Mental Health im Klassenzimmer“.