Wir haben Andrea Grman von „Stabil im Kopf“ zu einem Workshop über Mental Health und psychische Erkrankungen in einer Mittelschule begleitet. Was lernen Schüler*innen dort?
„Wisst ihr, was mentale Gesundheit ist?“, fragt Andrea Grman. „Dass es in deinem Kopf gut ist“, antwortet ein Schüler. Heute findet in der 3a der MS Quellenstraße 144 ein Workshop zu Mental Health und psychischen Erkrankungen statt. Dafür ist Andrea Grman, die Gründerin und Leiterin der Organisation „Stabil im Kopf“ in die Klasse gekommen. Sie erklärt: „Wie ich mich am Fuß verletzen oder mich verkühlen kann, kann ich auch eine psychische Erkrankung bekommen. Je besser ich darüber Bescheid weiß, desto besser kann ich damit umgehen und mir Hilfe holen.“ Sie erklärt ein paar wichtige Gesprächsregeln und räumt ein: „Psychische Gesundheit ist vielleicht für manche ein schwieriges Thema, und es ist unangenehm darüber zu sprechen. Wir achten gemeinsam darauf, ob es allen gut geht.“
„Wie viel wisst ihr über mentale Gesundheit?“, fragt sie dann. Die meisten Jugendlichen sammeln sich auf der Seite des Raumes, die für „Ich weiß fast gar nichts“ steht. Nur vier Burschen stehen ihnen gegenüber bei „Ich weiß schon sehr viel.“ „Habt ihr in der Schule schon über mentale Gesundheit gelernt?“, fragt Andrea Grman weiter. Die meisten Jugendlichen sammeln sich in der Mitte. Sie würden aber im Unterricht gern noch mehr darüber lernen, geben viele bei der folgenden Frage an. Einig sind sie sich, dass sie gut wissen, wann es ihnen zu viel wird oder nicht gut geht. Auf die Frage hin, ob sie gut mit anderen darüber sprechen und sich Hilfe holen können, stehen die meisten wieder bei „nein“.
„Was ist ‚Amygdala‘?“, fragt einer. „Schau dich mal um, vielleicht findest du die Info irgendwo!“, rät Andrea Grman. Die Schüler*innen beantworten in Kleingruppen Quizfragen und suchen sich die Informationen dafür im Raum zusammen, wo Zettel mit Erklärungen zu psychischer Gesundheit verteilt sind. Danach wird gemeinsam aufgelöst. „Mich hat überrascht, dass Teenager neun Stunden Schlaf brauchen“, sagt ein Jugendlicher danach. Die meisten Jugendlichen in der Klasse gehen erst nach Mitternacht schlafen. Da die Schule aber schon um 8 Uhr startet, sind viele chronisch unausgeschlafen.
Nach einer kurzen Pause fragt Andrea Grman, was sie tun können, wenn sie gestresst sind. „Einfach einschlafen“, sagt einer. Auch hinausgehen, sich ausruhen und etwas essen wird genannt. Im Workshop lernen sie jetzt eine weitere Methode – die Boxatmung, bei der sie jeweils vier Sekunden einatmen, die Luft anhalten, ausatmen und wieder halten. Das hilft, den Parasympathikus zu aktivieren und sich zu entspannen. Klassenlehrerin Dorotea Dokic wirft ein: „Das machen auch die Navy SEALs in den USA, weil es in Stresssituationen wirklich gut beruhigt. Wenn du eine Panikattacke hast – oder eine Person, die du kennst –, kann das auch helfen.“
Jetzt werden Begriffe gesammelt, die die Schüler*innen mit psychischen Erkrankungen in Verbindung bringen. Schnell stehen Trauma, Depression, ADHS, Autismus, Tourette und Sucht auf dem Smartboard und werden besprochen. „Wie kann ich eigentlich wissen, ob ich ADHS, Autismus oder so etwas habe?“, fragt eine Schülerin. Andrea Grman erklärt, dass man mit dem Hausarzt sprechen kann, wenn man entsprechende Symptome hat und darunter leidet. „Der wird dich dann weiterverweisen, zum Beispiel zu einer Psychologin, die dann die Diagnose stellt.“
„Wer hat noch ADHS?“, tönt es wenig später durch die Klasse. Die Jugendlichen füllen Steckbriefe für Menschen mit psychischen Erkrankungen aus. Danach werden in der großen Gruppe die Ergebnisse zusammengetragen. Was macht eine Depression aus? Die Jugendlichen erzählen von ihren Beispielpersonen: „Sie war immer traurig.“ „Sie will nichts machen.“ „Ihre Beruhigung ist es, wenn sie Tee trinkt, Musik hört und – was noch? – rausgeht, glaub ich.“ Was ist ein Burnout? „Man gibt alle seine Energie aus und hat dann keine mehr.“ „Man muss regelmäßig zur Therapie gehen.“ Alkoholsucht? „Sie hat Streit mit den Eltern, deswegen trinkt sie!“ „Man kann sehr süchtig werden davon.“ „Man wird auch schneller abhängig, wenn man eine Depression oder Stress hat.“ Und ADHS? „Dass der Kopf nie still ist! Man denkt an zehn Sachen gleichzeitig.“ „Er kann sich nicht konzentrieren.“ „Er stellt sich Erinnerungen und redet mit einer Therapeutin.“ Andrea Grman erklärt die Diagnosen genauer, korrigiert, ordnet ein. Gleichzeitig verteilt Lehrerin Dorotea Dokic Knautschbälle und andere Tools; Konzentrationsprobleme sind auch hier in der Klasse ein Thema, und die Kinder lernen passende Strategien.
Den Abschluss bildet eine Einheit zu Handlungsmöglichkeiten. Was kann ich tun, wenn es meinen Freund*innen nicht gut geht? Die Jugendlichen schlagen vor, mit ihnen zu zweit zu reden. Sie besprechen: Was macht gutes Zuhören aus? Sie nehmen sich vor, der Person in die Augen zu schauen, Fragen zu stellen. „Man kann so ein bisschen nicken“, schlägt ein Schüler vor. Einige wollen auch selbst helfen oder Tipps geben. „Wichtig ist, dass ihr dabei auf euch schaut. Manchmal wird es euch vielleicht zu viel, die Probleme der anderen zu hören.“ Andrea Grman erklärt, was „sich abgrenzen“ bedeutet. „Wenn jemand Krebs hat, schickst du die Person auch zur Ärztin“, sagt sie. Das sei bei psychischen Erkrankungen genauso nötig. Wohin also kann man sich wenden, wenn professionelle Hilfe nötig ist? „1 4 7!“, ruft eine Jugendliche. Das Angebot von Rat auf Draht wird erklärt. „Manchmal muss man eine Weile in der Leitung warten“, warnt Lehrerin Dorotea Dokic, „das ist, weil viele Leute dort anrufen und sie sich Zeit nehmen, mit allen ausführlich zu sprechen.“ Abschließend bekommen die Jugendlichen noch den Auftrag, im Rollenspiel zu üben, wie man reagieren kann, wenn eine andere Person von ihren Problemen erzählt.
„Mir hat es sehr gut gefallen!“, berichtet ein Schüler am Ende des Workshops, „ich habe gelernt, wie man die Boxatmung macht, wie man sich gut beruhigt und was ein Spektrum ist!“ „Ich habe gelernt, dass man neun Stunden schlafen soll und wie man mit Leuten reden muss, wenn es ihnen nicht gut geht“, sagt eine andere. „Ich habe gelernt, was eine Amygdala ist, welche psychischen Erkrankungen es gibt und was Gesichtsblindheit ist“, zählt eine dritte Schülerin auf. Ob es ihr gefallen hat? „Ja wirklich, ich schwöre!“
Andrea Grman ist Systemische Coachin, Lebens- und Sozialberaterin und hat drei Jahre lang über Teach for Austria an einer Wiener Mittelschule unterrichtet. Gemeinsam mit einem Kollegen hat sie die Organisation „Stabil im Kopf“ gegründet, die unter anderem Workshops rund um psychische Gesundheit für Schulen und AMS-Bildungseinrichtungen in ganz Österreich anbietet. Die Workshops sind über die Wiener Bildungschancen sowie über das OeAD-Programm „Starke Schule, starke Gesellschaft“ buchbar.
Dieser Artikel ist Teil des öbv-Whitepapers „Mental Health im Klassenzimmer“.