Schüler*innen leiden zunehmend unter schulischem Leistungsdruck. Psychologin und Erziehungswissenschafterin Petra Siwek-Marcon zeigt auf, warum das so ist und wie Lehrkräfte entgegenwirken können.
Welche Auswirkungen hat Leistungsdruck auf die psychische Gesundheit von Schüler*innen?
Die Studienlage ist eindeutig: Wir wissen schon seit Jahren, dass schulischer Leistungsdruck der größte negative Stressfaktor für Kinder und Jugendliche ist. Schulischer Druck hat in den letzten Jahrzehnten in Österreich massiv zugenommen. Die Auswirkungen werden stärker, je älter die Schüler*innen sind – und Mädchen sind stärker betroffen als Burschen.
Warum wirkt Leistungsdruck so stark auf die psychische Gesundheit?
Psychische Gesundheit ist vielgestaltig: Einerseits gibt es die innerpsychische Ebene – zum Beispiel, wenn Jugendliche ihren Selbstwert von Noten abhängig machen. Andererseits gibt es die physiologische Ebene: Wenn jemand unter Druck ist, dann entwickeln sich häufig Bauch- oder Kopfschmerzen, Verspannungen oder Schlafprobleme. Das wirkt sich wiederum auf die Leistungsfähigkeit aus: Wenn ich schlecht geschlafen habe, bin ich bei der Schularbeit unkonzentriert. Es ist leicht, da in eine Negativspirale zu kommen.
Und auch der soziale Bereich leidet: Freizeitaktivitäten, Bewegung und Zeit mit Freund*innen kommen zu kurz. Das wäre aber ein wichtiger Ausgleich für die psychische Gesundheit. Jugendliche haben außerdem noch weniger Strategien mit Druck umzugehen, als wir Erwachsene. Das entwickelt sich erst mit der Zeit – zumal solche Strategien in der Schule meist nicht thematisiert werden.
Woher kommt der große Leistungsdruck, den Schüler*innen wahrnehmen?
Leistungsdruck hängt sehr stark mit der Notengebung zusammen, natürlich aber auch mit der Häufung punktueller Testungen. Viele Schüler*innen haben in jeder Woche drei bis vier Testungen – ob Schularbeiten, Tests, Vokabelchecks oder Referate. Außerdem löst die punktuelle Messung viel Stress aus: Ich kann mein Können nicht über einen längeren Zeitraum hinweg zeigen, sondern muss am Tag der Schularbeit 100% leistungsfähig sein. Internalisierter Druck aus schulischer Vorgeschichte und Elternhaus spielt ebenfalls eine große Rolle. Eltern sollten ihre eigenen Überzeugungen reflektieren und sich fragen: Was will ich für mein Kind? Natürlich soll es im Leben erfolgreich sein, aber ist der Bio-Test in der dritten Klasse wirklich so wichtig dafür?
Sie haben Noten gerade schon angesprochen. Welche Rolle spielen die für den Leistungsdruck?
Noten sind für die Schüler*innen unmittelbar mit dem Leistungsdruck verknüpft – beinahe synonym. Unsere Gesellschaft signalisiert sehr stark: Du bist nur etwas wert, wenn du performst. Junge Menschen spüren das und definieren ihren persönlichen Wert über ihre Noten. Dabei haben selbst Maturanoten objektiv besehen kaum noch Bedeutung für Studien- und Jobzusagen – dort gibt es meist längst eigene Testungen und Kriterien.
Die meisten Lehrkräfte müssen nun einmal Noten geben. Wie kann das mit weniger Druck verbunden werden?
Uns wäre schon sehr viel geholfen, wenn Schulen die Möglichkeiten der Leistungsbeurteilungsverordnung (LBVO) breiter ausschöpfen würden. Die sieht nämlich schon viel mehr vor, als wir im typischen Setting vorfinden. Sie besagt explizit, dass viele verschiedene Arten der Leistungserbringung herangezogen werden sollen. Lehrkräfte könnten also statt auf punktuelle Prüfungen stärker auf Umsetzungsformen wie Portfolio-Arbeit und projektbezogenes Arbeiten setzen. Hier können Schüler*innen ihre Leistungen über einen längeren Zeitraum hinweg zeigen. Außerdem stoßen diese Arten der Leistungserbringung auch tiefere Lernprozesse an als ein „Bulimie-Lernen“ auf punktuelle Tests.
Auch Schularbeiten selbst lassen sich stressärmer gestalten – etwa durch gute Vorbereitung und mehr Vorhersehbarkeit. Wichtig sind deutliche Übungsphasen mit Beispielaufgaben, die der Schularbeit stark ähneln. Klare Bewertungskriterien und Wahlmöglichkeiten innerhalb der Prüfung lindern ebenfalls den Druck und die Prüfungsangst. In der LBVO steht außerdem, dass Mitarbeit ein zentraler Teil der Leistungserbringung ist. In der Praxis gibt sie oft nur den Ausschlag, wenn jemand beim Durschnitt der Schularbeits- und Testnoten zwischen zwei Noten landet. Hier hätten Lehrkräfte immensen Spielraum.
Was würden Sie sonst noch vorschlagen, um den Leistungsdruck zu mindern?
Nicht jede (Haus-)Übung und jeder Vokabelcheck sollte mit der Notengebung verknüpft sein. Schüler*innen brauchen leistungsfreie Rückmeldungen, die zeigen, was sie schon können und woran sie noch arbeiten können. Auch wenn Lehrkräfte ausführliche kompetenzorientierte Rückmeldungen geben und die Note nur als Beiprodukt behandeln, schafft das Entlastung.
Und in die Beziehung zu ihren Schüler*innen zu investieren, zahlt sich aus – die ist nämlich einer der wichtigsten Wirkfaktoren für schulische Leistungsfähigkeit.Ich würde auch für mehr Wahlsysteme plädieren, in denen Schüler*innen individuelle Schwerpunkte setzen können, und häufiger die 50-Minuten-Einheiten aufheben, um richtig in Themen eintauchen und ins konzentrierte Arbeiten kommen zu können. Gerade mit der Verbreitung von ganztägigen Schulformen bietet es sich an, möglichst viel selbstständige Lern- und Übungszeit in die Schule zu verlagern, damit zu Hause wirkliche Freizeit stattfinden kann.
Wenn Sie eine Sache am österreichischen Schulsystem ändern könnten, was wäre es?
Ich würde am liebsten die Notengebung und die starke Fixierung auf punktuelle Leistungserbringung abschaffen. Es wäre toll, wenn wir möglichst lange und möglichst breit mit verbalen Rückmeldungen statt Noten auskommen könnten. Schule soll ein Ort sein, der das Lernen und die Lernfreude befördert, die sich dann ins ganze Leben mitnehmen lässt. Und echte Begeisterung für das Lernen und Interesse am Gegenstand können sich nur dort entwickeln, wo es um das Lernen an sich geht und nicht nur um Prüfungen und Noten.
MMag. Dr. Petra Siwek-Marcon ist Senior Scientist und wissenschaftliche Geschäftsführerin der School of Education an der Universität Salzburg (Österreich) sowie klinische und Gesundheitspsychologin.
SoE, Universität Salzburg / Philipp Lindmayr
Dieser Artikel ist Teil des öbv-Whitepapers „Mental Health im Klassenzimmer“.