Wie lande ich nicht im Burnout?

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Titelbild Resilienz Burnout

Die Hälfte der österreichischen Lehrkräfte hat ein hohes Risiko für Burnout. Psychologin Elke Poterpin erklärt, welche Strategien helfen können, einer völligen Erschöpfung vorzubeugen.

Wie hoch ist das Burnout-Risiko bei Lehrkräften?

Laut der Austrian Teacher and Principal Health Study (ATPHS) zeigt mehr als die Hälfte der österreichischen Lehrkräfte hohe emotionale Erschöpfung bzw. Burnout-Gefährdung. Die Lehrkräfte berichten von Müdigkeit und Erschöpfung, Antriebslosigkeit und Gereiztheit, aber auch körperlichen Symptomen wie Rückenschmerzen und Schlafproblemen.

Allerdings zeigen sie auch eine hohe Arbeitszufriedenheit und großes Engagement. Diese Faktoren tragen dazu bei, dass Menschen besser mit Belastungen umgehen können.

„Lehrkräfte müssen viele Bälle gleichzeitig in der Luft halten und verschiedensten Anforderungen, Erwartungen und Konflikten gerecht werden.“

Wovon hängt es ab, wie gut ich mit Belastungen umgehen kann?

Wie gut Menschen mit Belastungen umgehen können, hängt von vielfältigen inneren und äußeren Faktoren ab und ist von Person zu Person unterschiedlich. Häufig wird in diesem Zusammenhang der Begriff Resilienz verwendet, für den es allerdings keine einheitliche Definition gibt.

Für Elke Poterpin lässt sich Resilienz als eine Art Schutzschirm beschreiben, den Menschen seit ihrer Kindheit entwickeln. Er ist konstant Belastungen ausgesetzt und ist zu manchen Zeiten des Lebens dicker und zu anderen dünner. Sowohl berufliche als auch private Rahmenbedingungen und Erfahrungen beeinflussen, wie ausgeprägt dieser „Schutzschirm“ ist.

„Nicht alle Menschen empfinden dasselbe als Stress. Das kann unterschiedlich sein, je nachdem, wie sie eine Situation bewerten und welche Bewältigungsmöglichkeiten sie sehen.“

Negativity Bias: Unser Gehirn verarbeitet negative Erfahrungen besonders stark – sie wirken wie ein Klettverschluss, an dem Misserfolge und schwierige Situationen leicht haften bleiben. Positive Erlebnisse hingegen gleiten oft eher ab wie an einer Teflonschicht. Um dieser natürlichen Tendenz entgegenzuwirken, kann es hilfreich sein, positive Erfahrungen gezielt wahrzunehmen und sich bewusst zu machen.

Resilienzfaktoren

Äußere Faktoren (Wie erlebe ich mein Umfeld?)

  • Zugehörigkeit: Fühle ich mich einer (Schul-)Gemeinschaft zugehörig und dort akzeptiert?
  • Stabile Lebensbedingungen: Fühle ich mich finanziell und sozial sicher?
  • Berufliche Bedingungen: Erlebe ich meinen Beruf als sinnvoll? Erfahre ich Wertschätzung? Kann ich meine Stärken einsetzen?
  • Soziales Eingebundensein: Bin ich in ein Team eingebunden, das zusammenhält und in dem ich positive Beziehungen erlebe?

Innere Faktoren (Was kann ich beeinflussen?)

  • Selbstwirksamkeit & Lösungsorientierung: Bin ich zuversichtlich, dass ich Herausforderungen bewältigen kann? Bleibe ich nicht im Problem hängen, sondern versuche, es zu lösen?
    Um das zu stärken, könnte ich Kompetenzen weiterentwickeln, z.B. durch Fortbildung, Coaching oder Peer-Supervision.
  • Akzeptanz: Kann ich Situationen akzeptieren, die ich nicht ändern kann?
    Das lässt sich in schwierigen Situationen üben: Statt im Ärger festzuhängen, könnte ich versuchen, die Situation neutral zu betrachten oder ihr sogar etwas Positives abzugewinnen. („Aha, ein Stau.“ oder
    „Immerhin bin ich nicht in den Unfall da vorne verwickelt. Und ich habe Zeit, meinen Lieblingssong zu hören.“)
  • Nährende Beziehungen: Bin ich in Beziehung mit Menschen, die mir Energie geben?
    Wenn ich hier unsicher bin, könnte ich überlegen, wer in meinem Umfeld eher Energie zieht und wer eher Energie gibt. Kontakte, die mich stark belasten, könnte ich – soweit möglich – bewusst dosieren und klare Grenzen setzen.
  • Emotionale Balance: Bin ich grundsätzlich optimistisch eingestellt?
    Um den natürlichen Negativity Bias auszugleichen, empfiehlt es sich, den Blick bewusst auf positive Erfahrungen zu lenken. Übungen dazu finden sich weiter unten.
  • Selbstfürsorge: Schätze ich wert, wie ich bin und was ich leiste? Sorge ich gut für mich?
    Um das zu stärken, könnte ich mir abends bewusst machen, was ich heute alles geleistet habe und dass ich unabhängig von meiner Leistung wertvoll bin. Ich könnte mir in stressigen Momenten bewusst Zeit nehmen für etwas, das mir guttut.

Resilienzfaktoren

What went well?

  • Hintergrund: Unser Gehirn nimmt negative Erfahrungen oft stärker wahr als positive. Um die Welt ausgewogen zu erleben, ist es notwendig, den Blick bewusst auch auf Positives zu richten.
  • Übung: Erinnern Sie sich – z. B. vor dem Schlafengehen – bewusst an drei Dinge, die am heutigen Tag gut waren: eine lustige Situation mit den Schüler*innen, ein schöner Moment in der Familie, ein Moment zum Durchatmen … Manche Menschen schreiben diese Momente gern auf, damit sie die damit verbundenen guten Gefühle auch später bei Bedarf wieder aktivieren können.

Perspektivenwechsel

  • Hintergrund: In belastenden Situationen neigen wir dazu, negative Gedanken zu verallgemeinern oder als unumstößliche Wahrheit zu erleben. Dadurch wirken Probleme oft schlimmer, als sie es sind.
  • Übung: Wenn Sie merken, dass sich negative Gedanken verfestigen (z. B. „Diese Klasse ist so furchtbar.“ oder „Die Eltern sind alle so verantwortungslos.“), halten Sie kurz inne und fragen Sie sich: Stimmt das wirklich? Betrifft das tatsächlich alle? Gilt es in dieser Allgemeinheit? Formulieren Sie die Aussage neu (z. B. „Selina und Maxi haben mich heute stark gefordert.“ oder „Die meisten Eltern kümmern sich so liebevoll um ihre Kinder, aber bei den Eltern von Anna nehme ich Schwierigkeiten wahr.“) Die differenziertere Sichtweise trägt zur emotionalen Entlastung bei und schafft innere Distanz zur Situation.

Die beste Freundin

  • Hintergrund: Viele Menschen werden von einer kritischen inneren Stimme begleitet, die eigene Leistungen und Verhaltensweisen streng bewertet. Um dieser Stimme etwas entgegenzusetzen, ist es hilfreich, eine freundliche und realistische innere Stimme zu entwickeln.
  • Übung: Wenn Sie merken, dass Ihre kritische innere Stimme zu laut wird, fragen Sie sich: „Was würde ich in dieser Situation einer guten Freundin raten?“ Das öffnet den Blick für positivere Perspektiven auf die eigene Leistung und für einen liebevolleren Umgang mit sich selbst.

Körper & Psyche

  • Hintergrund: Körper und Psyche stehen in enger Wechselwirkung. Ein Gedanke wie „Das wird ein stressiger Tag heute.“ kann Unbehagen auslösen, und oft reagiert der Körper darauf mit Anspannung. Umgekehrt beeinflusst auch der Körperzustand die psychische Verfassung.
  • Übung: Nutzen Sie diesen Zusammenhang für sich und nehmen sich ein paar Augenblicke, um tief durchzuatmen und den Körper zu lockern. Spüren Sie, wo Sie Anspannung wahrnehmen, und dehnen Sie diese Bereiche sanft. Das trägt dazu bei, die innere Anspannung zu reduzieren.

Mit der Schulklasse: Positives Klassenbuch

  • Hintergrund: Schüler*innen erleben die Schule oft als Ort, an dem Fehler und Schwächen im Vordergrund stehen. Um dem entgegenzuwirken, können gezielt positive Entwicklungen sichtbar gemacht werden.
  • Übung: Führen Sie doch ein positives Klassenbuch! Halten Sie gemeinsam mit den Schüler*innen fest, was im Laufe des Tages gut gelungen ist und welche Fortschritte sie gemacht haben. Das können fachliche, persönliche oder soziale Kompetenzen sein. (z. B. „Florian, dem es sonst schwerfällt, sich zu konzentrieren, hat heute zehn Minuten fokussiert an den Mathe-Aufgaben gearbeitet.“ oder „Als Jan ein Lineal gebraucht hat, hat Emir ihm von sich aus eines geliehen.“)

Achtung! Diese Übungen funktionieren gut und machen Sinn, solange Sie zwar belastet, aber noch stabil und handlungsfähig sind. Wenn Sie sich schon stark erschöpft fühlen und nahe an einem Burn-out sind, reichen sie in der Regel nicht mehr aus. Dann sollten Sie sich unbedingt professionelle Unterstützung holen.

Woran merke ich, dass es kritisch wird? Was kann ich dann tun?

Burnout zeichnet sich durch Erschöpfung auf verschiedenen Ebenen aus:

  • körperlich: Ich bin auch nach Erholungsphasen noch erschöpft. Ich erlebe psychosomatische Beschwerden wie Schlafstörungen, Verspannungen, Magen-Darm-Beschwerden oder Hautirritationen.
  • emotional: Ich fühle mich häufig überfordert, niedergeschlagen und bin schneller gereizt als früher. Oft nehmen andere diese Veränderungen eher wahr als ich selbst.
  • kognitiv: Ich kann mich schlechter konzentrieren, bin vergesslich und weniger geistig flexibel und kreativ.
  • sozial: Ich habe das Bedürfnis nach sozialem Rückzug; private Kontakte und gesellige Abendtermine erlebe ich vor allem als Belastung
„Leute suchen sich medizinische Hilfe, wenn ihnen körperlich etwas wehtut. Aber es wird oft übersehen, dass solche Beschwerden auch stressbedingt sein können. Es ist wichtig, früh hinzuschauen, dann kann man nämlich noch rechtzeitig gegensteuern!“

Burnout-Gefährdung lässt sich grob in drei Stufen einteilen:

  • Frühwarnzeichen: Ich fühle mich auch nach dem Wochenende nicht ausreichend erholt, es fällt mir schwer abzuschalten.
    Hier kann ich noch gut selbst reagieren durch Übungen, Psychohygiene und das bewusste Setzen von Grenzen.
  • mittleres Burnout-Risiko: Ich habe anhaltende Konzentrationsprobleme, kann weniger Leistung bringen, bin emotional distanziert; habe unter Umständen auch Rücken- oder Verdauungsbeschwerden.
    In diesem Fall sollte ich meine Hausärztin oder meinen Hausarzt ansprechen. Je nach Situation kann ich mich auch direkt bei einer Fachärztin, einem Psychotherapeuten, einer Supervisorin oder einer telefonischen Helpline melden.
  • hohes Burnout-Risiko: Ich erlebe ausgeprägte emotionale Überlastung, starke Stimmungsschwankungen oder akute Zusammenbrüche.
    In dieser Phase besteht dringender Handlungsbedarf. Ich sollte rasch professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Wenn ich länger in diesem Zustand bleibe, riskiere ich schwere Erschöpfungssymptome und längere Arbeitsunfähigkeit.
„Auf die eigenen Grenzen zu achten und sich frühzeitig Hilfe zu suchen, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Stärke und Professionalität.“

Mag. Dr. Elke Poterpin ist Hochschulprofessorin an der Pädagogischen Hochschule Wien und in der Aus-, Fort- und Weiterbildung tätig. Als Diplompsychologin und ausgebildete Volksschullehrerin promovierte sie im Themenfeld der mentalen Gesundheit im Bildungsbereich. Ihre fachlichen Schwerpunkte liegen in der Pädagogischen Psychologie, der Persönlichkeitsbildung sowie in den Bereichen psychosoziale Gesundheit und Resilienz.

Mag. Dr. Elke Poterpin

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