Studien und Beobachtungen zeigen, dass intensive Smartphone- und Social-Media-Nutzung mit psychischer Belastung zusammenhängen kann. Medienpsychologe Tobias Dienlin ordnet diese Entwicklung ein.
Eines vorab: Die psychische Gesundheit junger Menschen ist das Ergebnis vieler Faktoren. Auch gesellschaftliche Krisen hinterlassen Spuren. Social Media und Handys sind nicht die eine Ursache, auf die man alles schieben kann. „Wohlbefinden ist multifaktoriell bedingt“, betont Tobias Dienlin.
Die österreichische „Mental Health Days“-Studie, an der Dienlin als Autor mitwirkte, zeigt, dass insbesondere die Nutzung von Plattformen wie Instagram mit geringerer Lebenszufriedenheit bei Jugendlichen verbunden ist. Internationale und nationale Erhebungen deuten sogar auf steigende Raten von Depressivität und psychischen Erkrankungen hin. Dienlin relativiert jedoch: Dies kann sowohl auf eine tatsächliche Verschlechterung als auch auf ein gestiegenes Problembewusstsein zurückzuführen sein, eindeutige Aussagen sind daher kaum möglich. „Es ist nicht wie in der Physik, wo man klare Aussagen treffen kann – wir können uns der Wahrheit nur gemeinsam annähern“, so Dienlin.
Entscheidend ist vor allem das Ausmaß der Nutzung. „Man muss Social Media nicht verteufeln“, so Dienlin. In Maßen sei es absolut unbedenklich. Problematisch wird es, wenn die Nutzung ein Übermaß annimmt. In den USA verbringen Schätzungen zufolge rund die Hälfte aller Jugendlichen bereits mehr als 40 Stunden pro Woche, also etwa fünf bis sechs Stunden täglich, auf sozialen Plattformen. Österreich liegt zwar darunter, doch auch hier ist die Tendenz steigend. Wer täglich mehrere Stunden auf Social Media verbringt, hat entsprechend weniger Zeit für Aktivitäten, die nachweislich zum Wohlbefinden beitragen, etwa Bewegung, soziale Kontakte oder kreative Beschäftigungen.
Neben dem zeitlichen Umfang spielt auch die Art der Nutzung eine Rolle. Dienlin beschreibt dies als das „Paradox des Scrollens“: Die Nutzung fühlt sich zunächst angenehm an. Doch sobald das Handy weggelegt wird, geht es vielen schlechter als zuvor. Man befindet sich in einem Autopiloten-Modus, was dazu führt, dass man immer wieder zum Handy greift.
Nicht alle Jugendlichen sind gleichermaßen betroffen. Dienlin verweist auf Unterschiede: Mädchen zeigen im Schnitt stärkere negative Effekte, insbesondere durch Vergleichsprozesse und einen stärker an das äußere Erscheinungsbild geknüpften Selbstwert. Besonders vulnerabel sind auch divers-identifizierende Jugendliche. Entgegen der Annahme, dass Social Media für sie ein unterstützender Raum ist, in dem sie Gleichgesinnte finden, zeigen die Daten: Sie haben im Schnitt weniger psychische Schutzfaktoren und sind anfälliger für belastende oder diskriminierende Inhalte.
Warnsignale, auf die Eltern und Lehrkräfte unbedingt achten sollten, sind sinkende Schulleistungen oder sozialer Rückzug. „Es ist entscheidend, dass niederschwellige Angebote wie Schulpsychologie genutzt werden“, betont Dienlin. Verantwortung tragen Schule und Eltern gemeinsam.
Dienlin hält ein Handyverbot an Schulen für sinnvoll: „Schule ist ein Ort für Lernen und sozialen Austausch, Technik soll gezielt im Unterricht eingesetzt werden, nicht nebenbei.“
Dass Einschränkungen wirken, zeigt ein österreichweites Schulexperiment Anfang 2026: Rund 70.000 Schüler*innen verzichteten drei Wochen freiwillig auf ihr Handy. Viele Lehrkräfte bestätigten schon nach einer kurzen Zeit merkliche Veränderungen bei Konzentration und Stimmung der Jugendlichen. Schüler*innen entdeckten alte Hobbys wieder oder verbrachten mehr Zeit mit Familie und Freund*innen.
Gleichzeitig betont Dienlin, dass ein reines Handyverbot in Schulen nicht ausreicht. Stattdessen brauche es eine breitere Regulierung sozialer Netzwerke, insbesondere für Unter 14-Jährige. Diese könnte auch Eltern entlasten, die häufig Konflikte über Nutzungszeiten erleben. Denn Plattformen wie TikTok oder Instagram sorgen mit ihren Algorithmen dafür, dass man sie intensiv nutzt. Messenger-Dienste wie WhatsApp bewertet Dienlin anders, weil dort die direkte Kommunikation im Vordergrund steht. Langfristig sieht der Professor Medienkompetenz als zentral: den eigenen Medienkonsum bewusst zu gestalten, Inhalte auszuwählen und Pausen zu setzen. Darüber hinaus sei ein respektvoller gesellschaftlicher Umgang entscheidend. Soziale Einbindung, Wertschätzung und Sinn zählen zu den wichtigsten Schutzfaktoren. Schulen und Lehrkräfte können dazu beitragen, tragen aber nicht allein die Verantwortung.
Trotz aller gesellschaftlichen Dimension bleibt die Frage am Ende individuell: Was können Jugendliche und Erwachsene konkret tun?
Dienlin empfiehlt zunächst einen Perspektivwechsel: nicht bei Social Media ansetzen, sondern bei den eigenen Interessen: Welche Dinge machen mir wirklich Freude, was sind meine Hobbys? Ob Engagement in einem Verein, Sport, Musik, Bücher oder Handwerk: Wer sich aktiv Zeit dafür reserviert, verdrängt Bildschirmzeit auf natürliche Weise, ohne sie verbieten zu müssen.
Zweitens rät er dazu, die eigene Nutzung bewusst zu reflektieren: Welche Inhalte tun gut, welche nicht? Maßnahmen wie reduzierte Benachrichtigungen, feste Offline-Zeiten oder die Anpassung des Feeds können dabei unterstützen.
Und drittens: nicht in Panik verfallen. Wenn man soziale Medien ein bis zwei Stunden am Tag nutzt und ansonsten sein Leben gut im Griff hat, muss man sich nicht verrückt machen. Es geht nicht darum, soziale Netzwerke zu verteufeln, sondern sie bewusst zu nutzen.
Langfristig zeigt sich Dienlin vorsichtig optimistisch: Er beobachtet eine wachsende Gegenbewegung hin zu mehr Offline-Leben. Seine Daten deuten zudem darauf hin, dass die Nutzung sozialer Netzwerke bei Jugendlichen leicht zurückgeht – ein kleines, aber ermutigendes Signal.
Tobias Dienlin ist Professor für Medienpsychologie und Methoden am Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Zürich. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Medienwirkungen, Datenschutz und Wohlbefinden, wobei sein Fokus auf sozialen Medien liegt.
Universität Zürich
Dieser Artikel ist Teil des öbv-Whitepapers „Mental Health im Klassenzimmer“.