Ethik, Datenschutz, Fake News: Wie sicher ist KI im Unterricht?

Titelbild Magazin Podcast7

Wie kann KI im Unterricht sinnvoll und sicher eingesetzt werden? Darüber spricht im Podcast #KlasseZwanzigZukunft Gabriele Bolek-Fügl von Women in AI (Austria).

Individuelle Lehrpläne, automatisiertes Feedback und Übersetzungen für Eltern – die Möglichkeiten von Künstlicher Intelligenz im Schulalltag scheinen unbegrenzt. Auf Knopfdruck eigens zugeschnittene Lernpfade schaffen, Elterngespräche in über 100 Sprachen übersetzen, den Schüler*innen täglich individuelles Feedback geben … Die Verlockung ist groß, Künstliche Intelligenz in den Unterricht zu integrieren. Aber wie sicher ist das? Welche Risiken verbergen sich hinter den Technologien? Wie bereiten wir Schüler*innen auf eine von KI geprägte Zukunft vor? Darüber hat öbv-Geschäftsführer Philipp Nussböck im Podcast #KlasseZwanzigZukunft mit Gabriele Bolek-Fügl gesprochen, die Geschäftsführerin von Paiper.one und Vizepräsidentin von Women in AI (Austria) ist.

„Die Nutzungsfreundlichkeit heutiger KI-Tools verführt dazu, sie zu verwenden, ohne sich zuerst die nötigen Kenntnisse anzueignen. Aber das ist ein großer Fehler.“

KI gehört ins Klassenzimmer – aber nicht ohne Wissen

Gabriele Bolek-Fügl ist seit den 1990er-Jahren im Bereich der KI-Forschung und -Anwendung aktiv – lange bevor Tools wie ChatGPT ihren Siegeszug antraten. Ihre klare Botschaft: KI ist ein Werkzeug mit großem Potenzial, aber ohne Wissen über ihre Funktionsweise und ihre Grenzen bleibt sie gefährlich. Besonders problematisch sei, dass viele Menschen – auch Lehrkräfte – KI intuitiv und unkritisch verwenden, einfach weil die Tools so benutzerfreundlich sind.

„KI-Textgeneratoren sind keine Wissensdatenbank. Schüler*innen müssen lernen, dass die Antworten nicht immer richtig sind, auch wenn sie sich wirklich gut anhören.“

ChatGPT ist keine Wissensdatenbank

Ein zentrales Missverständnis: Viele halten KI-Tools wie ChatGPT für eine Art „Wissensdatenbank“. Das sei ein Trugschluss, betont Gabriele Bolek-Fügl. Denn diese Programme generieren Texte, die gut klingen – aber nicht zwingend korrekt sind. Lehrkräfte wie Schüler*innen müssen daher kritisch prüfen:

  • Woher kommen die Informationen?
  • Wie plausibel ist die Antwort?
  • Ist ein Bias – also eine einseitige Sichtweise – erkennbar?

Ein Beispiel für einen solchen Bias: Früher antwortete ChatGPT auf die Frage „Can a pilot be pregnant?“ mit „No, only women can be pregnant.“ – und ignorierte dabei, dass natürlich auch Pilotinnen existieren, die im Englischen ebenso mit „pilot“ bezeichnet werden.

Datenschutz: Gratis ist oft gefährlich

Ein weiteres heißes Eisen: Datenschutz. Viele KI-Anwendungen stammen von US-Firmen, deren Datenschutzstandards nicht den europäischen Anforderungen entsprechen. Besonders heikel ist das im schulischen Kontext. Gabriele Bolek-Fügl warnt: „Personenbezogene Daten von Minderjährigen dürfen in die meisten KI-Tools gar nicht eingegeben werden.“

Wer KI im Unterricht nutzen möchte, sollte daher gut aufpassen, welche Daten in die Tools eingegeben werden beziehungsweise genau prüfen, wo die Daten verarbeitet werden und welche Tools DSGVO-konform sind. Empfehlenswert ist laut Gabriele Bolek-Fügl das europäische Modell Mistral – ein in Frankreich entwickelter Textgenerator mit hohen Datenschutzstandards.

„Eine Frage an ChatGPT verbraucht zehnmal so viel Energie wie eine Google-Suchanfrage. Daher sollten wir KI nur für nützliche Einsatzgebiete und nicht nur zum Zeitvertreib verwenden.“

Energieverbrauch: KI ist kein Spielzeug

Eine KI-Anfrage verbrauche etwa zehnmal so viel Energie wie eine Google-Suche. Dementsprechend sei es wichtig, KI nicht zur Unterhaltung, sondern gezielt und verantwortungsvoll einzusetzen. Gerade junge Menschen müssten lernen, dass jede Interaktion mit KI immense Ressourcen verbraucht – und damit auch ökologische Folgen hat.

Fake News, Bias, verzerrte Realität

Ein wiederkehrendes Thema im Gespräch ist der sogenannte Bias – also Stereotypen in KI-generierten Inhalten. Diese entstehen durch einseitige Trainingsdaten, die oft aus dem englischsprachigen Raum stammen und andere Weltregionen oder Perspektiven ausschließen.

„Der Sieger eines Krieges schreibt die Geschichte – heute machen die Trainer*innen von Large Language Modellen die Antworten für die Zukunft.“

Medienkompetenz ist hier das Schlagwort. Kinder und Jugendliche müssen lernen: KI ist nicht neutral. Sie zeigt nur einen Ausschnitt der Realität beziehungsweise kann Realität verzerren – etwa bei Bildern und Texten, die Genderstereotype verstärken oder historische Fakten falsch darstellen.

Von der traditionellen Hausaufgabe zur Reflexionsaufgabe

Auch beim Thema Schummeln mit KI plädiert Gabriele Bolek-Fügl für einen Perspektivenwechsel. Zahlreiche Jugendliche ließen ihre Hausübungen bereits von KIs erledigen. Statt sich im Kampf gegen KI-basierte Täuschung zu erschöpfen, sollten Lehrkräfte Aufgaben so gestalten, dass KI ein Bestandteil davon wird – etwa mit der Vorgabe: „Nutze ein KI-Tool, dokumentiere deinen Prompt und bewerte das Ergebnis kritisch.“

„Früher habe ich als Hausaufgabe Texte schreiben lassen – jetzt müssen die Lernenden KI einsetzen und darüber reflektieren.“

Drei Tipps für Lehrkräfte

Am Ende der Folge nennt Gabriele Bolek-Fügl drei konkrete Empfehlungen für alle, die KI verantwortungsvoll im Klassenzimmer einsetzen wollen:

  1. Selbst ausprobieren: Nur wer die Tools kennt, kann ihre Grenzen einschätzen.
  2. Kontext verstehen: KI ist keine Ersatzlehrkraft, sondern ein Assistent.
  3. Kulturelle Vielfalt hinterfragen: KI „denkt“ oft amerikanisch. Schulen sollten europäische Perspektiven sichtbar machen.

Die Schule der Zukunft: Mensch und Maschine im Team

Im medialen Diskurs kommt immer wieder die Frage auf: Wird KI Lehrkräfte ersetzen? Ganz sicher nicht, betont die Expertin. Denn eines könne KI nicht: sich in andere Menschen hineinversetzen. Talentförderung, Empathie und zwischenmenschliches Verständnis – das bleibt menschliche Domäne. In der idealen Schule der Zukunft werden aber laut Gabriele Bolek-Fügl Lehrkräfte KI-Tools so einsetzen, dass sie ihnen die Arbeit erleichtern und Schüler*innen individuelleres, effektiveres Lernen ermöglichten.

Das Fazit: Nicht die Technologie ist gefährlich, sondern unser Umgang mit ihr kann es sein. KI kann den Unterricht bereichern, Chancengleichheit fördern und Lehrkräfte entlasten – aber nur, wenn sie klug, kritisch und reflektiert eingesetzt wird.

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Dieser Artikel ist nur eine verkürzte Zusammenfassung. Noch mehr kluge Gedanken und interessante Inspiration gibt es in der Podcastfolge.

Übrigens: Im kostenlosen Whitepaper "KI im Klassenzimmer" des öbv gibt es noch mehr Einblicke rund um Künstliche Intelligenz in der Schule.

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