Wie lernen Schüler*innen, Fake News zu erkennen?

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Wie können Lehrkräfte ein gesundes Misstrauen gegenüber Desinformation und KI vermitteln? Darüber spricht Nana Siebert, stv. Chefredakteurin des STANDARD, im Podcast #KlasseZwanzigZukunft.

Immer häufiger begegnen junge Menschen online Fake News, Desinformation und Manipulation. Das bleibt nicht ohne Auswirkungen auf die Schule. Wie lässt sich Medienkompetenz konkret in den Schulalltag integrieren? Wie können Lehrkräfte Schüler*innen befähigen, Informationen kritisch zu hinterfragen und Manipulation zu erkennen? In dieser Folge von #KlasseZwanzigZukunft spricht Philipp Nussböck mit Nana Siebert, stellvertretende Chefredakteurin beim STANDARD. Als Expertin für digitale Medienkompetenz verfügt sie über umfassende Erfahrung im Umgang mit Desinformation und Deepfakes.

Desinformation, Propaganda, Missinformation – das sind keine Phänomene des digitalen Zeitalters. Aber durch Künstliche Intelligenz hat die Verbreitung von Falschinformationen eine Dynamik gewonnen, die noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wäre. Was früher aufwendige Produktion erforderte, ist heute in Sekunden möglich und erreicht Millionen von Menschen, bevor eine Richtigstellung auch nur formuliert ist. Nana Siebert, die für den STANDARD und gemeinsam mit dem ORF die Initiative „Zukunft Medienkompetenz" ins Leben gerufen hat, bringt das auf den Punkt: Eine uninformierte Gesellschaft hält sie für die größte Gefahr für die Demokratie. Und genau deshalb braucht es Schulen, Lehrkräfte und Eltern, die gemeinsam gegensteuern.

Scrollen statt verstehen

Wer heute durch seinen Feed scrollt, wird von Algorithmen gelenkt, oft ohne es zu merken. Nana Siebert beschreibt ein Phänomen, das viele kennen, aber selten so klar benennen: Menschen scrollen, aber bleiben an der Oberfläche und begreifen die Geschehnisse nicht wirklich.

„Die meisten Leute scrollen nur noch durch einen Feed. Wenn wir auf der Ebene der Schlagzeile bleiben und nicht mehr wirklich verstehen, dann wird es heikel."

Viele Menschen, vor allem junge, äußern heutzutage, sie hätten schlicht keine Zeit, Nachrichten wirklich zu lesen und sich vertieft damit zu beschäftigen. Diese Haltung ist kein Einzelfall, sie ist Symptom einer tiefgreifenden Veränderung unserer Mediennutzung. Besonders beunruhigend ist dabei die Rolle der Algorithmen. „Wir werden durch die Algorithmen in eine negative Eskalationsspirale gezogen. Es fällt wahnsinnig schwer, daraus auszusteigen und wirklich Nachrichten zu lesen", nimmt Nana Siebert wahr. Was unser Gehirn mit Aufmerksamkeit belohnt, sind Emotionen – Empörung, Angst, Schock. Genau das machen sich Desinformationskampagnen zunutze.

„Mittlerweile gelingt es, in wenigen Sekunden aus einem Foto ein Video zu generieren. Das wird Cybermobbing auf ein ganz neues Niveau heben."

Auch für Mobbing haben die aktuellen Entwicklungen Auswirkungen. Durch künstliche Intelligenz ist es mittlerweile sehr schnell und einfach möglich, kompromittierendes oder lächerlich machendes Material, vor allem Fotos oder Videos, zu fälschen. Das schlägt auch in Schulklassen auf. Lehrkräfte sind damit bereits konfrontiert – die Frage ist nicht ob, sondern wie sie darauf reagieren.

Was Lehrkräfte konkret tun können

Medienkompetenz ist im Kern kritisches Denken und das ist keine zusätzliche Aufgabe, die Lehrkräften aufgebürdet wird, sondern ein Grundprinzip guten Unterrichts. Ihr erster Rat für Lehrkräfte, die das Thema Fake News in der Klasse ansprechen möchten, ist denkbar einfach: mit Fragen beginnen.

„Ich würde immer mit Fragen beginnen: Was bekommt ihr zurzeit auf Social Media ausgespielt? Wenn da etwas in Richtung Desinformation geht, kann man das besprechen."

Der Ausgangspunkt ist also nicht ein Lehrplan, sondern die Lebenswelt der Schüler*innen. Was beschäftigt sie? Was sehen sie in ihren Feeds? Was macht ihnen Sorgen oder verunsichert sie? Von dort aus lassen sich ganz konkrete Übungen anschließen. Nana Siebert empfiehlt, mit den Schüler*innen gemeinsam auszuprobieren, wie sie Quellen prüfen können: „Hat die Seite ein Impressum? Welche anderen Informationen finde ich dort? Berichten andere ebenfalls über diesen Vorfall? Das zu besprechen, ist schon ein erster Ansatzpunkt." Das klingt simpel und das ist es auch. Aber genau darin liegt die Stärke dieser Herangehensweise: Medienkompetenz muss keine eigene Unterrichtseinheit sein. Sie kann überall einfließen, wo Informationen eine Rolle spielen.

Medienkompetenz als Querschnittsmaterie

Eine der zentralen Aussagen im Gespräch mit Nana Siebert ist, dass Medienkompetenz kein isoliertes Unterrichtsfach sein muss und auch nicht sein sollte.

„Medienkompetenz kann in jedem Fach eine Rolle spielen. Wir stellen Material zur Verfügung, unter anderem ein Spiel, mit dem man lernt, Statistiken richtig zu lesen. Das kann man im Mathematikunterricht super anwenden."

Im Rahmen der Initiative „Zukunft Medienkompetenz" haben der STANDARD und der ORF Materialien entwickelt, die Lehrkräfte kostenlos herunterladen und direkt im Unterricht einsetzen können. Datenjournalist*innen des STANDARD haben dabei etwa interaktive Übungen erstellt, die zeigen, wie Statistiken manipulativ eingesetzt werden können und wie man das erkennt. Das lässt sich im Mathematik-, Deutsch-, Geografie- oder Geschichtsunterricht gleichermaßen einbetten. Der STANDARD hält außer dem gemeinsam mit der Pädagogischen Hochschule Wien Medienkompetenz-Seminare für Lehrkräfte ab.

Warum auch Eltern gefragt sind

Medienkompetenz ist aber keine Aufgabe, die Schule alleine stemmen kann. Nana Siebert ist überzeugt, dass auch die Erziehungsberechtigen eine wichtige Rolle spielen. Eltern müssen dafür keine Technologieexpert*innen sein. Es geht nicht darum, jeden Algorithmus zu verstehen oder jede Plattform zu kennen. Es geht darum, ins Gespräch zu kommen. Was siehst du gerade? Was beschäftigt dich? Was hast du heute auf deinem Handy gesehen?

„Medienkompetenz zu vermitteln, kann nicht allein die Aufgabe der Schule sein. Es braucht auch die Eltern, die mit ihren Kindern darüber sprechen, was ihnen auf Social Media begegnet."

Nana Siebert betont, dass gerade in bildungsfernen Haushalten diese Gespräche seltener stattfinden. Deswegen müssten diese Themen auch in der Schule thematisiert werden. Aber in fast allen Familien verschwinden Jugendliche hinter ihren Bildschirmen, ohne dass Erwachsene wissen, was sie dort eigentlich wahrnehmen. Eine gesunde Neugier, ohne Kontrolle oder Misstrauen, kann hier viel bewirken.

Kampf gegen Windmühlen

Wer sich täglich mit Desinformation, Deepfakes und algorithmischer Manipulation auseinandersetzt, läuft Gefahr, den Glauben an Veränderbarkeit zu verlieren. Nana Siebert kennt dieses Gefühl.

„Es fühlt sich manchmal so an, als würden wir gegen Windmühlen kämpfen. Aber der Desinformation nichts entgegenzusetzen, ist keine Option."

Was ihr Hoffnung gibt, sind die Menschen, die sie in den Workshops trifft: engagierte Lehrkräfte, die trotz voller Stundenpläne und wachsender Anforderungen Engagement für Medienkompetenz zeigen und denen es ein Herzensanliegen ist, Schüler*innen kritisches Denken beizubringen.

Was Sie morgen tun können

Auf die Frage, welche drei Dinge Lehrkräfte sofort umsetzen können, empfiehlt Nana Siebert:

  • Fragen stellen: Sie rät, die Jugendlichen zu fragen: Was seht ihr in euren Social-Media-Feeds? Das ist ein guter Ausgangspunkt für Gespräche.
  • Konkrete Beispiele: Sie empfiehlt, an konkreten Beispielen zu zeigen, warum wir nicht alles glauben dürfen, was uns ausgespielt wird.
  • Zeitweise aufs Handy verzichten: Sie hält das Handy-Experiment, das aktuell viele Schüler*innen in Österreich wagen, für eine tolle Idee: In immer mehr österreichischen Schulen verzichten Schüler*innen bewusst für eine Zeit auf ihre Smartphones. Das schafft Distanz zu den Algorithmen und öffnet Raum für echte Auseinandersetzung.
„Mein Wunsch für die Schule der Zukunft ist, dass Lehrende sich trotz der extremen Anforderungen, die auf sie einprasseln, nicht entmutigen lassen, mit jungen Menschen über Medienkompetenz und kritisches Denken zu sprechen."

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