Wie bauen Lehrkräfte eine konstruktive Beziehung zu den Eltern auf bevor es Probleme gibt? Darüber spricht Veronika Lippert, Pädagogin und Obfrau der Elternwerkstatt, im Podcast #KlasseZwanzigZukunft.
Eltern und Schule wollen beide das Beste für das Kind. Doch im Alltag zeigt sich: Missverständnisse, unterschiedliche Perspektiven und fehlende Abstimmung führen oft zu Spannungen. Wie kann es gelingen, eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Eltern und Lehrkräften zu schaffen? Wie geht man mit Konflikten und unterschiedlichen Erwartungen um? Darüber spricht Philipp Nussböck in der aktuellen Folge von #KlasseZwanzigZukunft mit Veronika Lippert, Obfrau der Elternwerkstatt, Pädagogin sowie zertifizierte Erwachsenenbildnerin und Elterntrainerin.
Wer an Elternarbeit denkt, denkt oft zuerst an Elternabende, Sprechstunden oder schwierige Gespräche. Doch genau darin liegt laut Veronika Lippert ein Missverständnis: Gute Elternarbeit beginnt nicht erst dann, wenn Probleme auftauchen. Sie entsteht viel früher – indem Lehrkräfte bewusst eine Beziehung zu den Eltern aufbauen und am gegenseitigen Vertrauen arbeiten. Im Gespräch mit Philipp Nussböck wird deutlich, wie wichtig es ist, Eltern als Partner*innen zu sehen und nicht als Gegenspieler*innen. Gerade in einer Zeit, in der Lehrkräfte unter hohem Druck stehen und Familien mit unterschiedlichsten Hintergründen auf Schule blicken, braucht es neue Wege der Zusammenarbeit.
Eltern schicken ihre Kinder jeden Morgen in die Schule – oft mit vielen Hoffnungen, manchmal aber auch mit Sorgen und Unsicherheiten. Lehrkräfte wiederum übernehmen Verantwortung für eine Gruppe von Kindern mit ganz unterschiedlichen Bedürfnissen. Damit diese Zusammenarbeit gelingt, braucht es mehr als organisatorische Informationen. Es braucht Vertrauen. Veronika Lippert beschreibt Elternarbeit deshalb vor allem als Beziehungsarbeit. Lehrkräfte, die eine Klasse neu übernehmen, sollten möglichst früh Klarheit schaffen, was sie von den Eltern erwarten und diesen das Gefühl geben, willkommen zu sein. Erst mit den Eltern ins Gespräch zu gehen, wenn es einen Konflikt gibt, sei zu spät.
Gerade junge Lehrkräfte oder Quereinsteiger*innen erleben Elternkontakte oft als herausfordernd. Viele fragen sich: Wie viel Nähe ist sinnvoll? Wie grenzt man sich ab? Und wie gelingt es, trotz Zeitdruck in einen guten Austausch zu kommen? Veronika Lippert betont: Dazu sei vor allem die Haltung entscheidend. Im Schulalltag entstehe leicht ein Gegeneinander. Lehrkräfte fühlen sich von Eltern kritisiert oder unter Druck gesetzt. Eltern fühlen sich nicht ernst genommen.
Dabei verfolgen beide Seiten eigentlich dasselbe Ziel: Sie wollen, dass das Kind erfolgreich lernt und dass es ihm gut geht. Diese Perspektive verändert den Blick auf Konflikte. Hinter vielen fordernden Reaktionen stecken Sorgen, Unsicherheiten oder eigene negative Schulerfahrungen. Eltern möchten sicher sein, dass ihr Kind gesehen, fair behandelt und unterstützt wird.
Gerade deshalb ist es wichtig, Eltern nicht vorschnell in Kategorien einzuteilen. Wer nur das schwierige Verhalten sieht, übersieht oft die Emotionen dahinter. Veronika Lippert erzählt im Podcast auch von ihren eigenen Erfahrungen als Mutter von drei Kindern. Sie war selbst Elternvertreterin und Obfrau eines Elternvereins und kennt beide Seiten – die Sicht der Schule ebenso wie jene der Eltern. Besonders wichtig war ihr dabei immer Transparenz. So nahm sie ihre Kinder auch zu Gesprächen in der Schule mit. Dadurch entstand Klarheit für alle Beteiligten. Missverständnisse wurden reduziert und Gespräche fanden nicht „über“ die Kinder statt, sondern gemeinsam mit ihnen.
Ein zentrales Thema der Podcastfolge ist die Art der Kommunikation zwischen Schule und Elternhaus. Dabei geht es nicht nur darum, über was, sondern vor allem darum, wie gesprochen wird. Veronika Lippert plädiert für eine möglichst verurteilungsfreie Kommunikation. Das bedeutet nicht, emotionslos zu sein – im Gegenteil. Gefühle sollen ernst genommen werden. Aber Bewertungen und Schuldzuweisungen helfen selten weiter.
Besonders eindrücklich beschreibt sie die Wirkung kleiner sprachlicher Unterschiede: etwa, ob die Lehrkraft darauf hinweist, dass ein Kind etwas „nicht kann“ oder dass es etwas „noch nicht kann“. Dieses kleine Wort verändert den Blick auf Lernen. Es macht deutlich: Entwicklung ist möglich. Fehler sind kein endgültiges Urteil, sondern Teil eines Lernprozesses. Viele Eltern werden sehr emotional, wenn Kritik an ihrem Kind geäußert wird. Deshalb ist es entscheidend, auch Stärken sichtbar zu machen.
Es könne auch helfen, bestimmte Themen aus dem Unterricht mit den Eltern zu teilen – dann könnten diese die Inhalte zu Hause aufgreifen und auf dieselben Erklärmuster zurückgreifen. Veronika Lippert erzählt von einer Lehrerin, die den Kindern den Laut „ie“ spielerisch erklärte: Das „i“ und das „e“ seien Partnerinnen, die einander helfen. Das gab sie auch an die Eltern weiter – die dann zu Hause auf bei Wörtern mit „ie“ auf diesen Laut hinweisen konnten – und zwar durch die gemeinsame Erklärung so, dass die Schüler*innen die Verbindung zum in der Schule Gelernten herstellen konnten.
Neben Beziehung und Kommunikation nennt Veronika Lippert noch einen weiteren wichtigen Faktor: Klarheit. Viele Konflikte entstünden aus Unsicherheit. Eltern wüssten oft nicht genau, wie Schule funktioniert, welche Erwartungen gelten oder an wen sie sich wenden können. Gerade beim Schuleinstieg sei das spürbar. Was gehört ins Mitteilungsheft? Wie sollten Eltern ihr Kind beim Lernen unterstützen? Wann sollten sie den Kontakt zur Schule suchen?
Veronika Lippert erlebt in ihrer Arbeit immer wieder, wie entlastend klare Informationen für Eltern sind. Deshalb organisiert die Elternwerkstatt Workshops für Familien, deren Kinder neu in die Schule kommen. Dort wird erklärt, wie das österreichische Schulsystem funktioniert, wie Kommunikation gelingen kann und wie Eltern ihre Kinder im Alltag unterstützen können. Dabei geht es nicht um zusätzlichen Leistungsdruck, sondern um alltagstaugliche Ideen:
Diese kleinen Impulse zeigen Eltern, wie sie den Lernprozess zu Hause unterstützen und Lernstoff spielerisch in den Alltag integrieren können.
Im Gespräch wird auch deutlich, warum Schule für viele Eltern emotional so aufgeladen ist. Oft werden durch die Schulzeit der eigenen Kinder auch die eigenen Schulerfahrungen wieder aktiviert. Veronika Lippert beschreibt sehr offen, wie sie sich beim Schuleintritt ihrer Tochter plötzlich selbst wieder wie „die kleine Vroni“ fühlte. Der Geruch der Schule, die Atmosphäre, die Erinnerungen: All das kann alte Unsicherheiten oder negative Erfahrungen hervorrufen. Das erklärt auch, warum manche Gespräche schnell emotional werden. Eltern sprechen nicht nur aus der aktuellen Situation heraus, sondern oft auch aus ihren eigenen Erfahrungen. Hinzu kommt das Gefühl von Hierarchie. Viele Menschen fühlen sich in schulischen Gesprächen unsicher – besonders dann, wenn sie schlechte Erfahrungen gemacht haben oder Sorge haben, etwas falsch zu machen. Diese emotionale Dimension wird in Diskussionen über Elternarbeit oft unterschätzt.
Ein weiterer Schwerpunkt der Podcastfolge ist die Zusammenarbeit mit Familien aus unterschiedlichen sozialen und kulturellen Kontexten. Schule wird nicht überall gleich erlebt. Eltern, die selbst in anderen Bildungssystemen aufgewachsen sind, bringen oft andere Erwartungen und Erfahrungen mit. Sie kennen aus ihren Heimatländern Schule als unantastbare Institution und trauten sich deshalb teils nicht, Fragen zu stellen, wenn ihnen Dinge unklar sind.
Gerade deshalb brauche es niederschwellige Angebote und verständliche Kommunikation. Die Elternwerkstatt arbeitet beispielsweise mit sogenannten „Murmelgruppen“. Dabei werden Informationen bei Elternabenden oder Workshops in verschiedene Sprachen übersetzt. Eltern können Inhalte dadurch besser verstehen und Fragen stellen. Auch visuelle Unterstützung kann helfen. Viele Lehrkräfte arbeiten bereits mit Symbolen, Bildern oder Kommunikationsmappen. So wird Information verständlicher – unabhängig von Sprachkenntnissen. Wichtig ist es aus ihrer Sicht aber, Kinder nicht in die Rolle von Übersetzer*innen zu bringen. Das brächte Kinder in eine nicht ideale Rolle und belaste sie mit Themen, um die sie sich eigentlich nicht kümmern müssen sollten.
Natürlich bleibt die Realität des Schulalltags herausfordernd. Lehrkräfte stehen unter enormem Druck, Zeit ist knapp und viele Aufgaben kommen gleichzeitig zusammen. Gerade deshalb braucht Elternarbeit klare Strukturen. Veronika Lippert spricht im Podcast offen darüber, dass viele Lehrkräfte überlastet sind. Tür-und-Angel-Gespräche in der Früh seien oft schwierig, weil gleichzeitig Unterricht vorbereitet werden muss und viele Kinder Aufmerksamkeit brauchen. Umso wichtiger sei es, Kommunikationswege bewusst zu gestalten.
Hilfreich können sein:
Elternarbeit bedeutet also nicht permanente Erreichbarkeit. Vielmehr geht es darum, einen verlässlichen Rahmen zu schaffen.
Am Ende der Podcastfolge bittet Philipp Nussböck seine Gesprächspartnerin wie immer um drei konkrete Tipps für die Praxis. Die Antwort von Veronika Lippert fällt sehr prägnant aus: „Haltung, Emotionen abholen und ein offenes Herz.“
Die Podcastfolge macht deutlich: Gute Elternzusammenarbeit ist keine Zusatzaufgabe, die „auch noch“ erledigt werden muss. Sie ist ein zentraler Bestandteil gelingender Bildung. Kinder profitieren enorm davon, wenn Schule und Elternhaus gemeinsam an einem Strang ziehen. Wenn Informationen geteilt werden, wenn gegenseitiges Verständnis entsteht und wenn Konflikte nicht eskalieren. Dafür braucht es allerdings Zeit, Offenheit und manchmal auch den Mut, neue Wege auszuprobieren. Besonders spannend ist dabei die Perspektive der positiven Psychologie, die Veronika Lippert immer wieder anspricht. Statt sich nur auf Probleme zu konzentrieren, richtet sie den Blick auf Ressourcen, Beziehungen und Stärken. Das verändert nicht nur Gespräche mit Eltern, sondern auch die Atmosphäre in der Schule insgesamt. Viele Konflikte entstehen aus Unsicherheit, Angst oder fehlendem Verständnis. Umso wichtiger sei es, Menschen offen zu begegnen und hinter schwieriges Verhalten zu schauen. Wenn Lehrkräfte und Eltern einander als Verbündete sehen, kann Schule zu einem Ort werden, an dem Kinder wirklich wachsen können. Oder, wie Veronika Lippert es formuliert: Wenn wir Kindern Offenheit, Verständnis und respektvolle Kommunikation vorleben, „wird das einmal eine ziemlich tolle, schöne Gesellschaft.“
Die ganze Podcastfolge finden Sie im Podcast #KlasseZwanzigZukunft – überall, wo es Podcasts gibt!
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