Praxis-Check: Fake News im Schulalltag

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Titelbild Magazin Podcast

Wie kann gelingen, Medienbildung im Schulalltag zu thematisieren? Darüber sprechen die Schülerin Magdalena Scherer und der Lehrer sowie Direktor Michel Fleck, im Podcast #KlasseZwanzigZukunft.

Ein Deepfake im Klassenchat, eine Schlagzeile, die nicht stimmt – und Schüler*innen, die in Sekundenbruchteilen entscheiden müssen: Was ist real? In der letzten Folge haben wir mit Nana Siebert darüber gesprochen, warum Medienkompetenz in Zeiten von Fake News, Deepfakes und Desinformation wichtiger ist denn je und wie Lehrkräfte dem aktiv begegnen können. Dazu machen wir im Podcast einen Praxis-Check mit Magdalena Scherer, Schülerin aus Vorarlberg, und Michel Fleck, Lehrer und Schuldirektor in der Antonkriegergasse in Wien. Sie besprechen: Wie kann das konkret in der Schule umgesetzt werden?

Zwischen Deepfakes und WhatsApp-Gruppen

Fake News sind längst kein abstraktes Problem mehr, das nur in politischen Debatten oder auf internationalen Plattformen auftaucht. Für viele Jugendliche gehören manipulierte Inhalte, fragwürdige TikTok-Videos oder problematische Posts längst zum Alltag. Sie schlagen ganz konkret im Schulalltag auf. Magdalena Scherer beschreibt offen, wie häufig Cybermobbing und problematische Inhalte an Schulen vorkommen. Besonders Deepfakes seien aktuell ein großes Thema. Bilder von Jugendlichen würden manipuliert, in Gruppen geteilt oder für verletzende Sticker verwendet.

„Cybermobbing ist in der Schule leider viel zu normalisiert. Oft wird einfach darüber hinweggesehen, statt sich ernsthaft damit zu beschäftigen.“ Magdalena Scherer

Diese Aussage zeigt, wie selbstverständlich digitale Grenzüberschreitungen für viele junge Menschen geworden sind. Gleichzeitig macht sie deutlich, wie schwierig es ist, solche Dynamiken überhaupt sichtbar zu machen.

Auch Michel Fleck erlebt die Problematik täglich – sowohl als Lehrer als auch als Schuldirektor. Cybermobbing sei ein Dauerthema, erzählt er. Das Handyverbot an seiner Schule habe manches verbessert, aber das Problem nicht gelöst. Vieles verlagere sich einfach in den Nachmittag oder in private Gruppen. Besonders herausfordernd sei dabei die Geschwindigkeit, mit der Konflikte eskalieren können – nicht nur unter Jugendlichen, sondern auch unter Erwachsenen. Auch Eltern-WhatsApp-Gruppen würden immer wieder zu zusätzlichen Belastungen führen.

Medienkompetenz: Ein Thema für alle Fächer?

Medienkompetenz darf kein Randthema sein, da sind sich Lehrer wie Schülerin einig. Magdalena Scherer betont, dass kritischer Umgang mit Medien eigentlich in allen Unterrichtsfächern vorkommen müsste. Nicht nur in Informatik oder in einzelnen Projekttagen, sondern überall dort, wo Informationen verarbeitet werden. Das klingt zunächst logisch – bringt in der Praxis aber große Herausforderungen mit sich.

Michel Fleck beschreibt sehr ehrlich, warum viele Schulen an ihre Grenzen stoßen. Lehrkräfte werden heute mit immer neuen gesellschaftlichen Anforderungen konfrontiert: politische Bildung, Digitalisierung, Integration, mentale Gesundheit, Medienkompetenz. Gleichzeitig bleiben Lehrpläne voll und Zeitressourcen knapp.

„Wir müssen das in allen Fächern machen, das sagt sich so leicht. Das war in der Vergangenheit immer so: Neue Themen kommen auf, und die Schule soll sie alle lösen. Doch das kann man ihr so nicht zumuten.“ Michel Fleck

Damit spricht er etwas an, das viele Lehrkräfte beschäftigt: Wie kann Schule auf neue Herausforderungen reagieren, ohne permanent zusätzliche Aufgaben erfüllen zu müssen? Denn Medienkompetenz bedeutet nicht nur, Fake News zu erkennen. Es geht um kritisches Denken, um Quellenbewertung, um digitale Kommunikation, um Datenschutz und um die Fähigkeit, Inhalte einzuordnen. All das braucht Zeit, Methodenwissen und Sicherheit im Umgang mit digitalen Medien.

Besonders spannend ist die Offenheit, mit der sowohl Magdalena Scherer als auch Michel Fleck über Unsicherheiten sprechen. Magdalena Scherer erzählt, dass manche Lehrkräfte an ihrer Schule Social Media eher skeptisch oder sogar ängstlich betrachten würden. Nicht aus mangelndem Interesse, sondern weil ihnen schlicht Erfahrung und Wissen fehlen. Diese Beobachtung deckt sich mit dem Eindruck vieler Schulen: Jugendliche bewegen sich selbstverständlich durch digitale Räume, während Erwachsene oft erst versuchen müssen zu verstehen, wie Plattformen funktionieren oder welche Trends gerade relevant sind. Michel Fleck ist überzeugt, dass es nicht funktionieren kann, wenn Lehrkräfte einfach genötigt würden, Medienkompetenz in alle Fächer einzubinden. Es gehe in die Hose, wenn man Lehrkräfte zwinge, etwas zu machen, womit sie sich unsicher fühlten.

Es zeigen sich also zwei Perspektiven auf eine spannende aktuelle Debatte: Braucht Medienkompetenz ein eigenes Unterrichtsfach – oder sollte sie bewusst in alle Fächer integriert werden? Kritisches Denken kann nicht nur in einer Wochenstunde stattfinden und Medienkompetenz ist ein Querschnittsthema, das mit allen Fächern zu tun hat. Wer Informationen hinterfragen lernen soll, muss das also regelmäßig üben – in Geschichte genauso wie in Biologie oder Deutsch. Gleichzeitig können nicht alle Lehrkräfte das sofort umsetzen, ohne dafür ausgebildet zu sein. Ein eigenes Unterrichtsfach würde dafür sorgen, dass das Thema nicht vernachlässigt wird oder zu kurz kommt, weil Lehrkräfte angesichts all der anderen Themen keine Zeit dafür finden oder sich nicht kompetent genug fühlen, es zu vermitteln.

Was Schüler*innen wirklich auf Social Media sehen

Ein besonders interessanter Teil der Folge beschäftigt sich mit der Frage, wie offen Jugendliche überhaupt über ihre Online-Welt sprechen. Nana Siebert hatte in der vorherigen Folge vorgeschlagen, Lehrkräfte sollten Schüler*innen gezielt fragen, welche Inhalte ihnen auf Social Media ausgespielt werden. Magdalena Scherer erzählt, dass eine Lehrerin an ihrer Schule genau das regelmäßig mache – mit positiven Erfahrungen. Diskussionen über aktuelle Themen würden den Unterricht lebendiger und relevanter machen. Sie wünscht sich also, dass Lehrkräfte genau solche Fragen stellen und die Erlebnisse der Schüler*innen als Ansatzpunkt nehmen, über Medienkompetenz zu sprechen.

Michel Fleck unterstützt die Idee ebenfalls, ergänzt aber einen wichtigen Punkt: Vielleicht muss eine anonyme Möglichkeit her, Beiträge einzuschicken, die Schüler*innen auf Social Media sähen. Denn Jugendliche bewegen sich online oft in sehr persönlichen oder auch problematischen Räumen. Einiges würden sie nie vor der Klasse und den Lehrkräften erzählen. Manche Inhalte sind peinlich, verstörend oder schlicht schwer anzusprechen. Anonyme Formate könnten helfen, trotzdem ins Gespräch zu kommen. Gleichzeitig macht die Diskussion deutlich, wie wichtig Vertrauen ist. Medienkompetenz funktioniert nicht über Verbote. Sie braucht Räume, in denen offen gesprochen werden kann – ohne Verurteilung.

Lernen durch Ausprobieren

Wie kann Medienkompetenz im Unterricht konkret aussehen? Dazu liefert die Podcastfolge viele praktische Ideen. Michel Fleck spricht einige spielerische Zugänge an. Besonders wichtig sei dabei die Lebenswelt der Jugendlichen. Unterricht müsse dort ansetzen, wo Schüler*innen ohnehin täglich unterwegs sind.

Einige der vorgeschlagenen Aktivitäten und Methoden:

  • Selbst manipulierte Schlagzeilen erstellen, mit echten Meldungen mischen und ausprobieren, welche die Klasse für echt hält
  • Fake News und echte Meldungen vergleichen
  • Kahoot-Quizzes „Was ist echt, was ist fake?“
  • Social-Media-Posts analysieren
  • Deepfakes gemeinsam erkennen lernen

Der entscheidende Punkt dabei: Medienkompetenz entsteht nicht durch Frontalunterricht. Sie entwickelt sich durch Diskussion, Reflexion und eigenes Ausprobieren.

Das Handyverbot: Lösung oder Symbolpolitik?

Auch über das Handyverbot wird in dieser Folge intensiv gesprochen. Michel Fleck befürwortet ein Handyverbot ausdrücklich. Seine Schule habe schon früh entsprechende Regeln eingeführt. Er argumentiert, dass die Suchtwirkung von Smartphones zu groß sei, um allein auf Eigenverantwortung zu setzen. Besonders in den Pausen würden Handys echte Gespräche verdrängen.

Überraschenderweise stimmt Magdalena Scherer ihm dabei zu – obwohl sie selbst Schülerin ist: Sie findet, dass Smartphones in der Schule im Normalfall nicht nötig sind und würde sich ebenfalls wünschen, dass in den Pausen mehr echter Kontakt passiert.

„Das sehen viele in meiner Klasse sicher anders, aber ich denke, dass es das Handy in der Schule nicht wirklich braucht. Es führt nur dazu, dass man in den Pausen weniger miteinander redet.“ Magdalena Scherer

Diese Aussage zeigt, dass die Diskussion oft komplexer ist, als Erwachsene vermuten. Viele Jugendliche erleben selbst, wie stark Smartphones ihren Alltag bestimmen. Spannend ist auch die Diskussion über eine „handyfreie Woche“. Inspiriert von einem Experiment mit tausenden Schüler*innen denken die Gesprächspartner*innen laut darüber nach, ob es nicht österreichweit – und vielleicht sogar jährlich – eine handyfreie Woche geben könnte, in der Schulen sehr breit dazu aufrufen, auch in der Freizeit aufs Handy zu verzichten.

Clara, eine Schülerin aus dem öbv-Jugendbeirat hat 2026 am Handy-Expertiment teilgenommen und drei Wochen aufs Smartphone verzichtet. Sie teilt in einer Sprachnachricht ihre Erfahrungen, die zeigen: Das Handy fehlt eigentlich gar nicht so stark. Dafür entsteht schon nach kurzer Zeit ein Gefühl von Entlastung. Dass man nicht ständig erreichbar sein muss, tut gut und schafft Raum für anderes.

Schule kann nicht alles alleine lösen

Ein weiterer wichtiger Aspekt im Gespräch ist die Frage nach Verantwortung. Wer soll Medienkompetenz eigentlich vermitteln? Die Schule? Die Eltern? Die Gesellschaft? Die Plattformen selbst? Die Podcastfolge macht deutlich: Schule spielt eine zentrale Rolle – kann die Aufgabe aber nicht alleine stemmen. Michel Fleck beschreibt sehr klar, dass viele Lehrkräfte ohnehin bereits unter hoher Belastung arbeiten. Zusätzliche Anforderungen würden schnell zu Überforderung führen. Deshalb fordert er strukturelle Veränderungen.

„Dass Medienkompetenz in jedem Unterrichtsfach vorkommt, ist für mich schon eine Zielvorgabe. Aber das können wir nicht einfach so umsetzen, dafür müsste sich die Ausbildung der Lehrkräfte ändern.“ Michel Fleck

Änderungen in der Lehrkräfteausbildung seien nötig, aber damit diese wirken, braucht es jedoch Zeit. Daher räumt er ein, dass vieles auch durch Fortbildungen passieren könne. Fortbildung für Lehrkräfte sei wichtig, aber wenn alles nur zusätzlich komme, führe das schnell zur Überforderung. Deshalb ist er auch überzeugt, dass die Lehrpläne angepasst und Lernstoff reduziert werden müsse. Diese Aussagen treffen einen zentralen Punkt der aktuellen Bildungsdiskussion. Medienkompetenz darf nicht einfach „zusätzlich“ passieren. Sie muss Teil eines größeren Umdenkens werden. Denn wenn Lehrkräfte weiterhin unter Zeitdruck stehen und Lehrpläne immer voller werden, bleibt für neue Themen oft kaum Raum.

Magdalena Scherer und Michel Fleck eint letztlich dieselbe Vision: Schule soll junge Menschen befähigen, sich sicher und kritisch in digitalen Räumen zu bewegen.

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Die ganze Podcastfolge finden Sie im Podcast #KlasseZwanzigZukunft – überall, wo es Podcasts gibt!

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