Praxis-Check: Sollten wir die Noten abschaffen?

Titelbild Magazin Podcast Praxis Check

Motivieren Noten zu besserer Leistung oder sorgen sie vor allem für Angst? Darüber sprechen die Schülerin Magdalena Scherer und der Lehrer sowie Direktor Michel Fleck im Podcast #KlasseZwanzigZukunft.

Eigentlich weiß es doch jede*r: Noten sind nie ganz fair. Und sie erzeugen einen immensen Druck – auf Schüler*innen wie auch Lehrkräfte. Trotzdem prägen sie weiterhin die Schule. Warum? Darüber spricht im Podcast #KlasseZwanzigZukunft öbv-Geschäftsführer Philipp Nussböck mit Magdalena Scherer, Schülerin aus Vorarlberg, und Michel Fleck, Lehrer und Schuldirektor in der Antonkriegergasse in Wien. Heraus kommt eine ehrliche, nachdenkliche Diskussion über Leistungsdruck, Fairness und die Frage, wie Schule in Zukunft aussehen könnte. 

Diese Folge des Podcasts #KlasseZwanzigZukunft ist ein sogenannter Praxis-Check. Sie knüpft an eine frühere Episode mit der Bildungsforscherin Jana Groß Ophoff an, in der das Thema wissenschaftlich beleuchtet wurde. Diesmal geht es um den konkreten Schulalltag – um das, was Schüler*innen und Lehrkräfte rund um Noten tatsächlich erleben und sich wünschen. 

Wieso ändert sich nichts?

Welche Meinung haben wohl eine 18-jährige Schülerin und ein erfahrener Schulleiter zum Thema Notengebung? Typischerweise würde man erwarten: eine sehr unterschiedliche. Ganz so ist es in dieser Podcastfolge aber nicht. Die beiden sind sich sogar erstaunlich einig, auch wenn sie ganz unterschiedliche Perspektiven und Erfahrungen haben. Und sie berichten, dass viele der Schüler*innen und Lehrkräfte diese Meinung haben. Trotzdem verändert sich kaum etwas.

„Alle, mit denen ich über Noten geredet habe, haben dieselbe Meinung: Noten sind ziemlich veraltet." Magdalena Scherer, Schülerin

Michel Fleck hat dafür eine Erklärung: Das Notensystem ist einfach. Punkte zählen, Notenschlüssel anwenden, Note eintragen – das lässt sich vergleichsweise leicht bewerkstelligen. Alles, was komplexer ist, kostet Zeit, Energie und Mut. Und den braucht es offenbar in großem Maße, um das System wirklich zu verändern. Michel Fleck verweist dabei auch auf die Bildungsforschung, die bestätigt, was viele ahnen: Noten wirken demotivierend – obwohl Motivation als eine ihrer klassischen Funktionen gilt.

Leistungsdruck kommt von überall

Kaum ein Thema ist so eng mit Schulnoten verknüpft wie Leistungsdruck. Michel Fleck beschreibt, wie sich dieser besonders an Schnittstellen im Bildungssystem entlädt – etwa beim Übertritt von der Volksschule ins Gymnasium.

„Da ist der Leistungsdruck enorm. Die Kinder, die Lehrkräfte, die Eltern, von denen der Druck manchmal auch ausgeht, berichten darüber, wie die Kinder unter diesem Druck leiden." Michel Fleck, Lehrer und Direktor

Magdalena Scherer schildert das aus ihrer eigenen Erfahrung besonders eindringlich: Der Leistungsdruck kommt von vielen Seiten gleichzeitig: von den Lehrkräften, von den Eltern, teils macht man ihn sich selbst. Und wer regelmäßig schlechtere Noten hat, riskiert laut Magdalena Scherer, unter den Klassenkolleg*innen als „dumm" zu gelten. Ein Stigma, das Kinder tief und nachhaltig prägen kann.

„Der Leistungsdruck kommt von allen Seiten: Man will die Eltern nicht enttäuschen, vielleicht auch die Lehrkräfte. Nach Schularbeiten wird in der Klasse herumgefragt, welche Note man hat. Das ist auch mit Scham behaftet." Magdalena Scherer, Schülerin

Noten sind nicht fair

Ein weiterer Kritikpunkt, der sich durch die gesamte Diskussion zieht: Noten bilden reale Leistungen nicht fair ab. 

„Manche Lehrkräfte bereiten den Stoff besser auf oder benoten strenger. Manche Kinder haben ADHS oder tun sich schwerer beim Lernen. All das wird bei der Notengebung nicht berücksichtigt und deshalb sind Noten nicht fair." Magdalena Scherer, Schülerin

Michel Fleck kann das bestätigen, weiß aber auch, wie herausfordernd es ist, wirklich fair zu benoten. Welche Leistungen zieht man dafür heran? Was berücksichtigt man und was nicht? Wenn ein Kind extreme Fortschritte gemacht hat, aber dennoch nur mäßige Leistungen bringt, lässt sich das schwer mit einem Kind vergleichen, das sich beim Lernen leichttut und sich deshalb kaum Mühe gibt.

„Faire Notengebung ist irrsinnig schwierig. Warum wird ein Kind, das oft aufzeigt, besser benotet als eines, das still mitdenkt? Warum beziehen wir soziale Kompetenzen kaum in die Benotung ein?" Michel Fleck, Lehrer und Direktor

Was in der Schule kaum gemessen wird, ist oft genau das, was im Berufsleben am meisten zählt: Teamfähigkeit, soziale Kompetenz, Eigeninitiative, kreatives Denken. Stattdessen bekommt man eine Zahl von 1 bis 5 – die je nach Schule, Lehrperson und Bundesland ganz unterschiedlich zustande kommt.

Noten entscheiden über Bildungswege

Entscheidend für den Leistungsdruck ist auch: Noten dienen nicht nur der persönlichen Rückmeldung, sondern auch der Selektion – sie entscheiden mit, welche Schulform ein Kind besuchen darf, welches Studium es beginnen kann. Michel Fleck sieht darin ein grundlegendes Problem: Das System ist auf Selektion ausgelegt, erfüllt diese Funktion aber kaum sinnvoll.

Ein paradoxes Phänomen entsteht: Weil Lehrkräfte nicht über Bildungswege entscheiden wollen, indem sie schlechte Noten geben, werden Noten oft besser vergeben, als es der tatsächlichen Leistung entspricht. Das Instrument untergräbt sich damit selbst.

Michel Fleck bringt einen Aspekt ein, der in der öffentlichen Debatte oft untergeht: Viele der psychischen Belastungen, die Schüler*innen erleben – Angst, Bauchweh vor Schularbeiten, Schlafprobleme – stehen in direktem Zusammenhang mit dem Notensystem. Noten sind deshalb, so seine Überzeugung, eine zentrale Stellschraube. 

Was wäre die Alternative?

Dann wird die Diskussion konkret. Magdalena Scherer plädiert für ein einfacheres, ehrlicheres System: Bei Tests sollte einfach „bestanden" oder „nicht bestanden" stehen – anstatt einer Zahl, die letztlich kaum jemandem wirklich etwas sagt. Michel Fleck denkt das Ganze einen Schritt weiter und fordert, dass der Fokus darauf liegen sollte, ob ein Kind ein bestimmtes Lernziel erreicht. Das müsse aber nicht in einem konkreten Test zu einem festgelegten Zeitpunkt passieren.

„Ein Problem an Noten ist die Punktualität. Es geht doch darum: Hat ein Kind das Lernziel erreicht? Und nicht: Kann es das in diesem Moment beweisen? Sonst üben wir das und es kriegt später noch einmal die Möglichkeit." Michel Fleck, Lehrer und Direktor

Das klingt radikal anders als das, was wir kennen – ist aber im Grunde nichts anderes als das, was in funktionierenden Arbeitsverhältnissen längst gelebt wird. Podcast-Host Philipp Nussböck zieht genau diesen Vergleich: Auch im öbv wird niemand mit einer Schulnote bewertet. Stattdessen gibt es Gespräche über Entwicklungen, Stärken und Verbesserungspotenziale. Warum sollte das nicht auch in der Schule funktionieren?

Wünsche für die Schule der Zukunft

Am Ende der Folge darf jede Person den sprichwörtlichen Zauberstab schwingen und sich vorstellen, wie die Schule der Zukunft in Bezug auf Leistung und Leistungsbeurteilung funktioniert. Magdalena Scherer wünscht sich eine Schule, die auf Augenhöhe funktioniert: kein Bulimielernen, kein Perfektionismus-Zwang, sondern Lernen, das Schüler*innen wirklich auf das Leben vorbereitet – und nicht nach zwei Wochen wieder vergessen ist. Michel Fleck hat eine ganz konkrete Zukunftsvision.

„Meine Idealvorstellung: Wir Lehrkräfte geben den Schülerinnen zwar eine Rückmeldung über ihre Leistung, aber die entscheidet nicht über das schulische Weiterkommen. Dafür sollte es bundesweit einheitliche Tests geben." Michel Fleck, Lehrer und Direktor

Seine Vision bedeutet eine klare Rollenverteilung: Lehrkräfte als Coaches, die begleiten, fördern und ehrlich rückmelden. Externe, bundesweit einheitliche Tests, die – wo nötig – Selektionsentscheidungen treffen. Und eine Schule, die endlich frei ist von Notenwahnsinn, Berufungen und Streitereien. Das, so Michel Fleck, würde auch den meisten Lehrkräften sehr gut gefallen.

„Wenn man die Noten abschafft, verschwinden nicht alle Ungerechtigkeiten im Schulsystem. Da müsste man noch viel mehr tun. Aber Noten wären ein Anfang, um etwas zu ändern." Magdalena Scherer, Schülerin

Neugierig auf mehr?
Die ganze Folge finden Sie im Podcast #KlasseZwanzigZukunft – überall, wo es Podcasts gibt!

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