Hängen Fake-News-Erkennung und Lesekompetenz zusammen? Darüber sprachen öbv-Geschäftsführer Philipp Nussböck und Nana Siebert, stellvertretende Standard-Chefredakteurin, beim LERCHE Lesekongress.
Fake News sind kein neues Phänomen. Falschmeldungen gibt es wohl schon seit Menschen Informationen weitergeben. Was sich jedoch verändert hat, ist die schiere Menge an Fake News und die Geschwindigkeit, mit der sich Falschinformationen heute verbreiten. Und ein erheblicher Teil der Jugendlichen kennt noch keine passenden Methoden, um sie zu erkennen.
Nur sechs von zehn österreichischen Jugendlichen prüfen überhaupt, ob Inhalte auf Social Media korrekt sind, bevor sie diese teilen. Und weniger als die Hälfte der Jugendlichen ist fähig, die Qualität von Informationen im Internet richtig einzuschätzen. Philipp Nussböck stellte klar: Österreich befinde sich damit keinesfalls in einer Sonderposition, in vielen Ländern sehe es ähnlich aus. Aber das sei kein Grund zur Entwarnung, diese Zahlen seien trotzdem sehr besorgniserregend.
Wer Fake News verstehen will, muss zunächst über Aufmerksamkeit sprechen. Das machte Nana Siebert früh im Gespräch deutlich.
Sie betonte, dass unsere Fähigkeit, uns tiefgehend und längere Zeit mit Texten und Informationen zu beschäftigen, abnimmt. Dieses Phänomen gehe mit starker Social-Media-Nutzung einher und treffe besonders stark Jugendliche. Alle paar Sekunden müsse etwas passieren, um die Aufmerksamkeit zu halten. Das Ergebnis: Informationen werden kaum noch in tiefergehend erfasst. Viele Menschen lesen meist nur noch Headlines, nicht den ganzen Artikel. Sie fühlen sich jedoch informiert und bilden sich basierend auf Überschrift und Einleitungstext bereits eine Meinung. Dabei haben sie sich allerdings nie tiefergehend mit dem Sachverhalt auseinandergesetzt oder Hintergründe und Argumente verstanden.
Nana Siebert betonte, dass die sinkende Aufmerksamkeitsspanne nicht nur mit dem Lesen zu tun habe. Dazu verwies sie auf Streamingdienste wie Netflix, die ihre Drehbücher mittlerweile an die gesunkene Aufmerksamkeitsspanne der Zusehenden anpassen: Storylines werden vereinfacht, Einstiege müssen schnell geschehen, weil man weiß, dass viele Leute nach wenigen Sekunden bereits das Handy zur Hand nehmen und abdriften. Dass selbst die Unterhaltungsindustrie auf diese Dynamiken reagieren muss, zeigt, wie tiefgreifend diese Entwicklung ist.
Ob jemand etwas liest, ein Video schaut oder einen Podcast hört – entscheidend sei die Intensität der Auseinandersetzung. Lesen ist also kein Selbstzweck, sondern hat eine große Bedeutung für Medienkompetenz. Das habe mit der intensiveren Aufmerksamkeit zu tun. Aber Lesen fördere diese Tiefe wie kaum ein anderes Format: Wer sich auf einen langen Text einlasse, könne nicht nebenbei auf dem Handy herumwischen und dann wieder einsteigen. Wer liest, muss dranbleiben. Genau diese Konzentration ist es, die beim Erkennen von Falschinformationen gefragt ist: das Innehalten, das Hinterfragen, das Abwägen.
Für Sie als Lehrkraft bedeutet das: Leseförderung ist nicht „nur" im Deutschunterricht wichtig, sondern demokratiepolitisch relevant. Nana Siebert sprach es im Gespräch offen aus: Die Fähigkeit, in die Tiefe zu gehen und unterschiedliche Perspektiven zu erfassen, sei für die Demokratiekompetenz entscheidend.
Was kann man konkret tun? Nana Siebert machte deutlich, dass es keine fünf einfachen Tipps gibt, die immer zuverlässig funktionieren. Die Zeiten, in denen KI-generierte Texte und Bilder noch an offensichtlichen Fehlern zu erkennen waren, sind vorbei. Was stattdessen zählt: kritisches Hinterfragen. Der erste Schritt beginnt überraschend simpel – mit dem eigenen Gefühl. Übermäßige Emotionalisierung – ob Empörung, Angst oder übertriebene Begeisterung – sei ein hilfreiches Warnsignal.
Wenn die innere Alarmglocke läutet, helfen folgende Schritte weiter:
Für Medienkompetenz sei es nicht nur wichtig zu erkennen, was eine richtige oder falsche Information sei. Entscheidend sei es auch zu hinterfragen, welche Ziele dahinterstehen könnten.
Seit einigen Jahren engagiert sich der Standard aktiv in der Medienbildung und hat in Kooperation mit der Pädagogischen Hochschule Wien Workshops für Lehrkräfte und Schüler*innen entwickelt. Mittlerweile sind 19 Journalist*innen daran beteiligt und rund 600 Lehrkräfte haben bisher an den Workshops teilgenommen.
Das Konzept: Schüler*innen sollen nicht belehrt, sondern aktiviert werden. Alle fünf bis zehn Minuten gibt es eine Interaktion, bei der sie selbst mitmachen müssen. Ein Highlight ist das Algorithmus-Spiel: Die Schüler*innen schlüpfen selbst in die Rolle des Algorithmus und überlegen, was sie jemandem als Nächstes vorschlagen würden, damit diese Person möglichst lange auf der Plattform bleibt. Damit wird erfahrbar, warum man immer mehr vom Gleichen zu sehen bekommt – und was das mit der eigenen Wahrnehmung macht.
Ein weiteres Format arbeitet mit Quellenprüfung: Ein KI-generiertes Video zeigt eine Influencerin, die einen Energy-Drink bewirbt, der angeblich sofort schlau macht. Dazu gibt es Aussagen verschiedener Quellen – von der Influencerin bis zur Polizei und zu Medienredaktionen. Die Schüler*innen sollen diese nach Glaubwürdigkeit sortieren und begründen, warum. Das Ergebnis überraschte Nana Siebert positiv: Die Jugendlichen haben sehr oft den richtigen Instinkt.
Eine der wichtigsten Erkenntnisse dieses Gesprächs: Jugendliche sind nicht so passiv und desinteressiert, wie man oft annimmt. In den Workshops des Standard zeigen sie laut Nana Siebert großes Engagement – weil Social Media ihr Thema ist, weil sie selbst betroffen sind und weil viele von ihnen bereits spüren, dass etwas nicht stimmt.
Sie merken, dass sie Stunden am Handy verbringen und sich dann fragen, warum sie kaum noch etwas mit Freund*innen unternehmen. Ihnen fällt auf, dass der eigene Feed anders aussieht als der der besten Freundin. Sie erleben, dass sie verstärkt traurige Inhalte angezeigt bekommen, wenn sie sich traurig fühlen. Diese Themen bewegen sie und sie sind bereit darüber zu sprechen, wenn man den richtigen Rahmen schafft.
Nana Siebert betonte im Gespräch, wie sehr sie die Arbeit der Lehrkräfte wertschätze. Sie erlebe in den Workshops, wie engagiert Lehrkräfte trotz der vielen Herausforderungen sind, die die Schule heute bewältigen muss.
Zum Abschluss des Gesprächs sprach Philipp Nussböck ein Thema an, das die Problematik nochmals komplexer macht: generative Künstliche Intelligenz. Immer mehr Jugendliche beziehen ihre Informationen nicht mehr aus sozialen Medien, sondern direkt aus KI-Chatbots. Das ist schnell und bequem, aber potenziell gefährlich.
Noch besorgniserregender sei das sogenannte KI-Poisoning. Dabei fluten Akteure massenhaft Websites mit Desinformation, um die Crawler zu beeinflussen, die KI-Modelle trainieren. Wenn diese Modelle dann Inhalte als „plausibel" ausgeben, haben sie womöglich bereits falsche Grundlagen absorbiert.
Wie stark sich das letztlich auswirken wird, lässt sich noch nicht abschätzen – aber die Entwicklung sei, so Nana Siebert, auf jeden Fall besorgniserregend. Und sie zeigt, warum echter Journalismus auch in Zeiten der KI unverzichtbar bleibt. Ein KI-Modell könne nicht hinausgehen, mit Menschen sprechen, Kontext herstellen und Informationen einordnen. Dazu braucht es kritisch denkende Menschen.
Philipp Nussböck und Nana Siebert sind sich einig: Die Schule kann und soll nicht allein die Verantwortung für Medienkompetenz tragen. Aber Lehrkräfte sind die wichtigsten Multiplikator*innen, wenn es darum geht, Schüler*innen auf eine Welt voller Information und Desinformation vorzubereiten. Nana Siebert verweist dazu neben den Workshops des Standard auch auf zahlreiche andere, teils regionale oder lokale Angebote für Schulen. Lehrkräfte müssen Medienbildung nicht alleine stemmen, sondern können sich Unterstützung von externen Expert*innen holen.
Wer mehr zu diesem Thema erfahren möchte, findet hier gute Ausgangspunkte:
Das Kamingespräch fand im Rahmen des LERCHE Lesekongresses statt. Die gesamte Aufzeichnung können Sie hier nachschauen.