Wie bürokratisch und wie frei soll Schule sein?

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Titelbild Magazin Podcast12

Wie können Schulen die Spielräume der Schulautonomie so nutzen, dass die Lernenden profitieren? Darüber spricht Schuldirektorin Doris Pfingstner im Podcast #KlasseZwanzigZukunft.

Lehrkräfte und Schulleitungen stehen neben ihren pädagogischen Aufgaben vor einer Flut an Formularen, Schüler*innenbögen und Verwaltungsarbeit. Viele fühlen sich dadurch in starren Strukturen gefangen. Im Podcast #KlasseZwanzigZukunft hat öbv-Geschäftsführer und Podcast-Host Philipp Nussböck mit Doris Pfingstner, Direktorin der Modularen Mittelstufe Aspern, gesprochen. Es ging um Wege, den bürokratischen Aufwand im Schulalltag zu verringern und die Spielräume der Schulautonomie wirklich zu nutzen. Im Zentrum steht die Frage: Wie können Schulen so arbeiten, dass die Kinder im Mittelpunkt bleiben?

„Bürokratie in der Schule wird es immer geben, aber man soll sich nicht den Weg versperren lassen durch Bürokratie, sondern dorthin schauen, wo Möglichkeiten sind.“

Bürokratie – unvermeidbar, aber handhabbar

Bürokratie gehört zum System Schule. Zeugnisse müssen ausgestellt, Schüler*innenlisten geführt und unzählige Formulare bearbeitet werden. Doris Pfingstner betont: „Natürlich bedeutet Schule auch, einen gewissen administrativen Aufwand zu betreiben. Das ist durchaus zeitgemäß und auch notwendig.“ Entscheidend sei aber, dass Verwaltung nicht zum Selbstzweck wird, sondern im Dienst der pädagogischen Arbeit steht.

„Wir sind ein Lehrkörper von 55 Lehrpersonen. Wenn jeder seinen Fair Share zur Bürokratie beiträgt, ist vieles machbar.“

Der Schlüssel liegt für sie in Arbeitsteilung und klaren Strukturen. An der Modularen Mittelstufe Aspern übernimmt jede Lehrkraft neben dem Unterricht ein definiertes Arbeitspaket. So wird die Last auf viele Schultern verteilt. Diese klare Erwartungshaltung entlastet nicht nur einzelne, sondern schafft auch Raum für Innovation.

Vision statt reiner Administration

„Nur wenn man eine Vision hat, gelingt es, dass man fokussiert in eine Richtung geht und sich nicht von der Administration auffressen lässt“, erklärt Doris Pfingstner. Ihre Schule arbeitet mit einem Schulentwicklungsplan, der Ziele für drei bis vier Jahre vorgibt. Diese Ziele werden in Jahrespläne heruntergebrochen und auf das Kollegium verteilt. Arbeitsgruppen übernehmen Teilbereiche, Konferenzen dienen der Steuerung. So ist das große Ganze immer präsent, auch wenn der Alltag mit Anrufen, Formularen und E-Mails gefüllt ist. Für Doris Pfingstner ist das entscheidend: Eine Schule darf nicht in Verwaltungsarbeit versinken. Sie muss bewusst gestalten, wohin sie sich entwickeln will.

„Auch wir stehen im Konkurrenzkampf mit anderen Schulen. Auch wir müssen uns profilieren und unser Bildungsversprechen klar formulieren.“

Doris Pfingstner hat einen Hintergrund in der Privatwirtschaft, der sie geprägt hat. Sie sieht Parallelen zwischen Schule und Dienstleistungsbetrieb: Beide brauchen klare Ziele, müssen Qualität sichern und sind auf gute Teamführung angewiesen. Dieses professionelle Selbstverständnis hat ihrer Schule geholfen, von einem Brennpunktstandort zu einer gefragten Adresse mit über hundert Anmeldungen pro Jahr zu werden.

Spielräume entdecken

Spätestens seit dem Schulautonomiepaket 2017 haben Schulen in Österreich große Freiräume, betont Doris Pfingstner. Viele wissen das aber gar nicht.

Ein Beispiel: In Aspern wurde mithilfe der Autonomie die Stundentafel so verändert, dass zusätzliche Module eingeführt werden konnten. Heute wählen Schüler*innen zwischen Technik, Tourismus, Gesundheit und Soziales. Diese Module wurden bewusst so gewählt, dass sie zukunftsträchtige Perspektiven eröffnen – sowohl für weiterführende Schulen als auch für Lehrstellen. Die Ergebnisse sprechen für sich: Die Schule hat inzwischen deutlich mehr Anmeldungen als früher und der Anteil an Schüler*innen mit AHS-Reife ist gestiegen. Die Absolvent*innen haben durch Kooperationen mit Unternehmen bessere Chancen am Arbeitsmarkt als zuvor.

„Vor lauter Angst, dass man was falsch macht, passiert oftmals gar nichts.“

Doch es gibt Stolpersteine dabei, die Freiräume der Schulautonomie zu nutzen. Häufig sei nicht klar, ob eine Idee mit den Vorgaben vereinbar ist oder nicht. Deshalb trauten sich viele Schulen nicht, echte Innovationen umzusetzen. Ihr Vorschlag: eine Rechtsberatungsstelle für Schulautonomie, die Schulleitungen Sicherheit gibt.

Innovation braucht Teamarbeit

Dass an ihrer Schule so viele Projekte umgesetzt werden können, liegt an einem klaren Prinzip: Alle übernehmen Verantwortung über den Unterricht hinaus. Durch Arbeitsteilung entstehen Freiräume für Innovation. Niemand muss alles allein stemmen – aber jede*r leistet einen Beitrag.

So wird es etwa möglich, einen Business Day umzusetzen. Dabei trainieren Schüler*innen Bewerbungsgespräche mit Unternehmen – auch scheinbare Kleinigkeiten wie einen professionellen Händedruck. Einige Unternehmen geben Jugendlichen, die sie besonders überzeugt haben, sogar eine „Fast Track“-Karte, mit der sie sich in einem verkürzten Prozess bei ihnen bewerben können. Auch gibt es in der Modularen Mittelstufe Aspern ein internes Fortbildungsprogramm, das junge Lehrkräfte beim Einstieg unterstützt.

Doris Pfingstner fordert von der Bildungspolitik, ein echtes mittleres Management an Schulen zu ermöglichen. In ihrer Schule übernehmen Teamsprecher*innen viele Aufgaben. Sie sind aber in der Struktur nicht offiziell als solche verankert. Hier wünscht sie sich eine formelle Lösung.

Drei Tipps zum Schluss

Gegen Ende der Podcastfolge teilt Doris Pfingstner ihre drei wichtigsten Tipps. Was können Schulleitungen und Lehrkräfte tun, um weniger unter Bürokratie zu leiden und mehr neue Ideen verwirklichen zu können?

  • Aufgaben bewusst teilen: Nicht alles muss eine einzelne Person erledigen. Wer Verantwortung auf mehrere Schultern verteilt, gewinnt Zeit für Pädagogik.
  • Vision mitdenken: Wenn klar ist, wohin die Schule sich entwickeln will, fällt es leichter, administrative Aufgaben als Teil dieses Weges zu sehen.
  • Mut zur Initiative: Schulautonomie bietet mehr Möglichkeiten, als oft angenommen wird. Fragen Sie nach, bringen Sie Ideen ein – und lassen Sie sich nicht von Unsicherheit bremsen.

Die Diskussion zeigt: Schule wird nie völlig frei von Bürokratie sein. Doch wie viel Raum sie einnimmt, hängt von Organisation, Haltung und Mut ab. Mit klaren Strukturen, geteilter Verantwortung und einer starken Vision können Schulleitungen und Lehrkräfte Bürokratie handhabbar machen – und die Spielräume der Autonomie nutzen. Am Ende geht es um die Kernfrage: Stehen die Kinder im Mittelpunkt?

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