Wie sinnvoll sind Ziffernnoten und welche alternativen Wege der Leistungsbeurteilung gibt es? Darüber spricht im Podcast #KlasseZwanzigZukunft die Bildungswissenschaftlerin Jana Groß Ophoff.
Seit 1974 regelt die Leistungsbeurteilungsverordnung (LBVO) in Österreich, wie die schulischen Leistungen von Kindern und Jugendlichen bewertet werden. Doch während sie ursprünglich für Klarheit sorgen sollte, sorgt sie heute oft für Unsicherheit: Welche Leistungen dürfen benotet werden? Welche Prüfungsformate sind zulässig? Und wie objektiv kann eine Note überhaupt sein?
Jana Groß Ophoff erklärt im Gespräch mit öbv-Geschäftsführer und Podcast-Host Philipp Nussböck, dass es zwei Ebenen der Beurteilung gibt: Zum einen die juristische Ebene, die für Übergänge und Zertifizierungen gebraucht wird – etwa beim Zugang zu Studienplätzen. Zum anderen die pädagogische Ebene, bei der es um Feedback, Motivation und Lernförderung geht. „Das macht Noten kompliziert“, so Jana Groß Ophoff.
Viele Lehrkräfte kennen die Situation: Kinder lernen nicht, weil sie etwas verstehen wollen, sondern um eine gute Note zu bekommen. Doch Forschungsergebnisse zeigen: Noten fördern die Lernfreude nicht – im Gegenteil.
Stattdessen wünscht sich die Bildungswissenschafterin, dass Feedback stärker am Lernprozess orientiert wird: Wo steht ein Kind, welche Schritte braucht es, um weiterzukommen? Ein solches Feedback ist wertvoller als die bloße Zahl im Zeugnis.
Ein häufiges Argument für Noten lautet: Sie seien objektiv und vergleichbar. Doch die Realität sieht anders aus. Studien zeigen, dass auch Faktoren wie Engagement, Motivation oder sogar die familiäre Unterstützung unbewusst in Noten einfließen. Damit wird klar: Noten suggerieren eine Vergleichbarkeit, die sie in Wirklichkeit nicht haben. Um echte Fairness zu erreichen, brauche es klare Kriterien und standardisierte Verfahren, meint Jana Groß Ophoff.
Auf die provokante Frage, ob Noten heute überhaupt noch notwendig sind, antwortet Jana Groß Ophoff: „Ich finde, wir brauchen keine Noten. Aber wir brauchen eine Leistungsbeurteilung.“ Das bedeutet: Schüler*innen brauchen Rückmeldungen zu ihren Lernfortschritten – aber diese müssen nicht zwingend in Form von Ziffernnoten erfolgen. Länder wie Finnland oder Kanada zeigen, dass es auch anders geht. Dort verstehen sich Lehrpersonen stärker als Coaches, die Kinder individuell begleiten und fördern.
Statt starrer Ziffernnoten könnten andere Formen von Leistungsbeurteilung im Vordergrund stehen:
Natürlich löst die Vorstellung, Noten abzuschaffen, bei vielen Skepsis aus. Eltern, Universitäten und Arbeitgeber wünschen sich weiterhin eine Vergleichbarkeit der Leistungen. Jana Groß Ophoff plädiert deshalb für eine differenzierte Lösung: In frühen Bildungsphasen könne man auf Noten verzichten, um die Lernfreude zu stärken. Für spätere Übergänge – etwa ins Studium oder in die Berufsausbildung – könnten sie punktuell eingesetzt werden.
Auch wenn Noten derzeit vorgeschrieben sind, können Lehrkräfte im Alltag bereits Schritte setzen, um fairer und lernförderlicher zu beurteilen:
So können auch innerhalb des bestehenden Systems entlastende und motivierende Momente geschaffen werden. Damit läge weniger Fokus auf Ziffernnoten und mehr auf individueller Förderung, dem Lernprozess und der Freude am Lernen.
Die Diskussion um Noten ist nicht neu, aber aktueller denn je. Während Ziffernnoten nach wie vor weit verbreitet sind, spricht vieles dafür, den Blick stärker auf alternative, differenziertere Beurteilungen zu lenken. Lehrkräfte können dabei schon jetzt wichtige Schritte setzen – hin zu einer Schule, in der Kinder nicht für Noten lernen, sondern fürs Leben.
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Die ganze Podcastfolge mit Jana Groß Ophoff finden Sie im Podcast #KlasseZwanzigZukunft – überall, wo es Podcasts gibt!
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