Wie gehe ich mit ADHS und Autismus um?

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Titelbild Magazin Podcast4

Wie können Lehrkräfte mit neurodivergenten Kindern in ihren Klassen umgehen? Darüber spricht Michaela Hartl, Sonderpädagogin und Leiterin von 8ung im Podcast #KlasseZwanzigZukunft.

Nicht wenige Schulkinder haben eine ADHS- oder Autismus-Diagnose. Lehrkräfte berichten darüber hinaus, dass sie bei einigen Kindern in ihren Klassen Auffälligkeiten wahrnehmen, auch ohne dass eine Diagnose vorliegt. Michaela Hartl ist Autismus- und ADHS-Trainerin für Kinder und Erwachsene. Sie ist ausgebildete Sonder- und Heilpädagogin und Leiterin von 8ung. Mit dieser Organisation bietet sie Coaching für Menschen im Neurodivergenz-Spektrum und deren Umfeld an. In dieser Podcastfolge von #KlasseZwanzigZukunft spricht Philipp Nussböck mit Michaela Hartl darüber, was neurodivergente Kinder im Schulalltag brauchen – und warum viele dieser Ansätze nicht nur einzelnen helfen, sondern gleich der ganzen Klasse.

Schon zu Beginn wird klar: Es geht nicht um „Speziallösungen“, die nur mit viel Extra-Zeit oder zusätzlichem Personal funktionieren. Michaela Hartl plädiert für kleine Stellschrauben, die im Unterrichtsalltag gedreht werden können – ohne dass dafür viel Geld, Vorbereitung oder Zeit nötig ist. Und sie zeigt, wie sehr sich das Klima in der Klasse verändern kann, wenn Vielfalt nicht als Störung, sondern als Normalität verstanden wird.

Neurodivers, neurodivergent – und warum das wichtig ist

Michaela Hartl macht im Gespräch einen Unterschied, der nicht allen bekannt ist: Neurodiversität vs. Neurodivergenz. Neurodivers sind wir alle: Der Begriff bedeutet, dass unsere Gehirne alle unterschiedlich arbeiten. Neurodivergent meint jene Menschen, deren neurologisches Muster stärker vom „neurotypischen“ Durchschnitt abweicht, etwa bei ADHS oder im Autismus-Spektrum.

Das ist mehr als ein Begriffsspiel. Denn Schule ist – historisch und organisatorisch – stark auf „neurotypische“ Abläufe ausgelegt: gleiches Tempo, ähnliche Reizverarbeitung, vergleichbares Zeitgefühl, ähnliche Selbststeuerung. Wenn ein Kind anders wahrnimmt, anders filtert, anders reguliert, wirkt es im System schnell „schwierig“. Dabei, so Michaela Hartl, entsteht ein großer Teil der Belastung gar nicht „im Kind“, sondern durch ein Umfeld, das nicht mitdenkt, dass Kinder unterschiedlich funktionieren und verschiedene Dinge brauchen. Welche Bedingungen können also Lehrkräfte schaffen, damit neurodivergente Kinder weniger Energie ins „Aushalten“ stecken müssen – und mehr Energie fürs Lernen übrig bleibt?

Was neurodivergente Kinder brauchen, tut fast allen gut

Ein entlastender Gedanke, den Michaela Hartl mehrfach betont: Für die meisten konkreten Maßnahmen ist es im Unterricht gar nicht entscheidend, ob „offiziell“ ADHS oder Autismus diagnostiziert wurde. Wenn ein Kind, sich kaum fokussieren kann, massiv ablenkbar oder schnell überreizt ist, dann helfen viele ihrer Strategien auch dann, wenn keine Diagnose vorliegt.

„Was Kinder im Autismus-Spektrum oder mit ADHS in der Schule brauchen, tut fast allen Kindern gut.“

Das nimmt Druck raus. Sie müssen nicht „sicher wissen“, was dahintersteckt, um unterstützend zu handeln. Sie können bei dem ansetzen, was sichtbar ist: Reizüberflutung, fehlendes Zeitgefühl, Überforderung, Unruhe, Rückzug, Konflikte. Gleichzeitig verschweigt Michaela Hartl nicht, dass Diagnostik Türen öffnen kann – etwa für zusätzliche Unterstützung. Und sie spricht offen über typische Elternsorgen: Angst vor Stigmatisierung, Angst vor Medikamenten, Angst vor „weniger Zukunftschancen“. Im Podcast wird deutlich: Ein ruhiges, sachliches Gespräch über Vorteile und Möglichkeiten kann hier viel bewegen – ohne Druck, aber mit Perspektive.

Reize fressen Energie

Einer der stärksten Teile der Folge ist die Beschreibung dessen, was im Schulraum „nebenbei“ passiert – und wie unterschiedlich Kinder das verarbeiten. Für viele autistische Kinder kann eine lebhafte Klasse sensorisch extrem fordernd sein: Bewegung im Augenwinkel, Stühle rücken, Stimmengewirr, Neonlicht, Gerüche, plötzliches Lachen. ADHS-Kinder wiederum nehmen Reize oft sehr intensiv wahr, springen gedanklich schneller und sind dadurch leichter ablenkbar. Beides führt dazu, dass das Kind nicht „zu wenig“ tut – sondern im Gegenteil zu viel gleichzeitig verarbeiten muss.

Michaela Hartl nennt sehr konkrete, alltagstaugliche Dinge, die helfen können: Kopfhörer (manchmal sogar mit leiser, vertrauter Geräuschkulisse), Sonnenbrillen bei starkem Licht, ein Platz weiter vorne, eine visuelle Abschirmung durch einen Paravent – nicht als Isolation, sondern als „Nische“, die Konzentration ermöglicht. Das Entscheidende ist die Haltung dahinter: Nicht „Warum kannst du nicht einfach…?“, sondern „Was in diesem Raum kostet dich gerade so viel Energie – und wie können wir es ein bisschen leichter machen?“

Auszeiten ohne Drama

Viele Lehrkräfte kennen das: Ein Kind kippt plötzlich – wirkt „weg“, wird laut, wird aggressiv, verweigert. Michaela Hartl erklärt das als typische Folge von Überlastung. Wenn das Nervensystem schon am Limit ist, ist Lernen nicht mehr möglich. Dann geht es nur noch ums Durchhalten. Ihre Empfehlung ist deshalb klar: Rückzugsmöglichkeiten schaffen – und zwar so, dass sie nicht als Strafe wirken, sondern als Werkzeug. Das Kind soll lernen, frühe Signale zu erkennen („Jetzt wird’s gelb.“) und sich kurz herausnehmen können – und zwar bevor es kippt.

Praktisch kann das sehr schlicht sein: Sanduhr, ein ruhiges Signal, eine klare Vereinbarung. Wenn kein Ausweichraum zur Verfügung steht, darf das Kind sich mit Kopfhörern und Abschirmung in eine Ecke des Klassenzimmers zurückziehen. Wichtig ist, dass das Kind selbstständig zurückkommt – und dass die Auszeit kurz bleibt und wirklich der Regulation dient, nicht dem „Abtauchen“. Im Podcast klingt dabei etwas an, das viele Lehrkräfte erleichtern dürfte: Es ist oft effizienter, einem Kind zehn Minuten Pause zu geben, damit es die nächsten zehn Minuten wieder aufnehmen kann – als es „drinnen zu halten“ und am Ende zwanzig Minuten Unterricht zu verlieren.

Pomodoro: Pausen, bevor die Luft raus ist

Philipp Nussböck fällt dazu spontan eine Methode ein, die viele aus dem Selbstmanagement kennen: die Pomodoro-Technik. Michaela Hartl greift sie begeistert auf – weil sie gerade für neurodivergente Kinder (und ehrlich: auch für übermüdete Klassen) gut funktioniert. Die Idee: Nicht warten, bis Konzentration weg ist, sondern Pausen fix einbauen, solange die Aufmerksamkeit noch da ist. Kurz – idealerweise zwei bis drei Minuten. Wasser holen, strecken, einmal aufstehen, kurz bewegen, dann weiter.

Das hat einen psychologischen Vorteil: Das Zurückkommen fühlt sich nicht an wie „zurück ins Mühsame“, sondern wie „weiter mit dem, was gerade noch ging“. Und oft genügt eine Mini-Bewegung, damit wieder mehr „Ich-Gefühl“ da ist – etwas, das Michaela Hartl besonders bei autistischen Kindern und auch bei ADHS betont.

„Das ist unfair!“

Vielleicht kommt bei Michaela Hartls Tipps die Sorge auf: Wenn ein Kind öfter raus darf, Hilfsmittel bekommt oder „Sonderwege“ nutzt, reagieren andere manchmal mit Neid oder Unverständnis. Michaela Hartl beschreibt aber, dass das in der Praxis viel seltener eskaliert, als viele befürchten – wenn es gut erklärt wird.

Ihr Zugang: nicht über Diagnosen sprechen („Lisa ist autistisch…“), sondern über Vielfalt. Alle haben Stärken, alle haben Herausforderungen, alle brauchen in manchen Bereichen Unterstützung. Sie erzählt, wie sie das einmal mit einer Klasse thematisiert hat und sich plötzlich eine beeindruckende Dynamik entwickelt hat: Kinder haben anderen deren Stärken gespiegelt, alle haben offen über ihre Herausforderungen und Schwächen gesprochen. Nach dem Gespräch haben sich alle gegenseitig unterstützt, weil sie wussten, was die anderen herausfordert – und gelernt hatten, dass das normal ist.

„Das war eine wunderbare Entwicklung in der Klasse: Alle Kinder haben ihre Stärken und Schwächen genannt und sich dann gegenseitig geholfen.“

Diese Szene ist mehr als eine nette Anekdote. Sie zeigt, wie schnell sich Dynamiken drehen können, wenn Kinder merken: Ich bin nicht allein mit meinen Unsicherheiten. Und: Helfen ist cool. In der Folge wird spürbar, wie stark solche Prozesse auch Mobbing-Tendenzen abfangen können – besonders dann, wenn es noch „am Anfang“ ist und sich Rollen erst einschleifen.

Unerwünschtes Verhalten hat Gründe – und die sind oft logisch

Ein Satz aus dem Gespräch trifft mitten in die pädagogische Praxis, weil er eine Brücke baut zwischen Verhalten und Bedürfnis:

„Jedes unerwünschte Verhalten hat ja einen Grund, es erfüllt irgendein Bedürfnis – oder es hatte einmal einen Sinn.“

Das ist eine Einladung, genauer hinzuschauen: Was passiert da gerade wirklich?

  • Ist das Kind überreizt und sucht Selbstregulation (z. B. Summen, Wippen, Geräusche)?
  • Braucht es Bewegung, um überhaupt im Körper zu bleiben?
  • Fehlt Orientierung, weil Abläufe unklar oder zu schnell wechseln?
  • Ist es sozial überfordert (Pause, Gruppenarbeit, Lautstärke)?
  • Ist es unsicher, weil es ständig „nicht passt“ und deshalb permanent maskiert?

Michaela Hartl beschreibt „Masking“ als häufiges Muster: Kinder im neurodivergenten Spektrum versuchen, passend zu sein – und verlieren dabei das Gefühl für eigene Bedürfnisse. Genau deshalb sind Fragen wie „Wie geht’s dir gerade?“, „Hast du Durst?“, „Bist du im grünen oder gelben Bereich?“ nicht „extra“, sondern Teil von Selbststeuerung und Emotionskompetenz.

Kleine Hilfen, große Wirkung: Fidgets, Nischen, Spezialinteressen

Was in vielen Klassen längst angekommen ist, bekommt in der Folge eine klare Begründung: sogenannte Fidget Toys – kleine, möglichst leise Hilfsmittel für die Hände – können neurologisch helfen, Fokus zu halten und den Körper zu „stimulieren“, ohne den Unterricht zu sprengen.

Dazu kommen Raumgestaltung und Sitzplatzwahl: vorne, wenn Ablenkung dominiert; eher geschützt, wenn visuelle Reize zu stark sind; eine kleine Nische, wenn das Kind dort besser arbeiten kann.

Besonders schön ist auch der Blick auf Spezialinteressen, vor allem im Autismus-Spektrum. Michaela Hartl schlägt vor, Unterrichtsstoff manchmal an Themen anzudocken, die das Kind ohnehin fesseln – Zahlen, Fakten, bestimmte Serien, Fahrzeuge, Pokémon, was auch immer. Nicht als Zusatzprogramm, sondern als kleine Anpassung, wenn es machbar ist. Oft reicht ein Textbeispiel, eine Matheaufgabe, ein Kontext.

Und dann kommt ein Punkt, den man leicht unterschätzt: Stärken sichtbar machen. Nicht künstlich loben – aber bewusst scannen: Wo ist dieses Kind verlässlich? Wo ist es präzise? Wo hat es einen Blick für Ordnung, Details, Logik, Kreativität?

Das schützt nicht nur das Kind – es schützt auch Sie als Lehrkraft vor dem Gefühl, ständig nur „Problemmanagement“ zu betreiben.

„Mehr Leistung für denselben Outcome“: Was Wertschätzung hier wirklich heißt

Im letzten Drittel wird das Gespräch emotional. Michaela Hartl erzählt von Erwachsenen, die erst spät diagnostiziert wurden, von Burnout, von langem Scheitern, von Sätzen wie „Du könntest ja, wenn du nur wolltest“. Und sie macht klar: Viele Kinder im neurodivergenten Spektrum geben seit Jahren alles – und werden trotzdem als „faul“ gelesen.

Dafür findet sie einen Satz, der hängen bleibt, weil er die Perspektive dreht:

„Das Kind im neurodivergenten Spektrum leistet wesentlich mehr für den gleichen Outcome.“

Wertschätzung heißt hier nicht „alles ist super“, sondern: Anstrengung sehen. Wege anerkennen. Fortschritt benennen. Und dem Kind ein anderes Selbstbild ermöglichen als „Ich bin immer der/die, der/die es nicht kann“.

Wenn Sie diesen Teil der Folge hören, denkt man unweigerlich an die stillen Kinder, die sich mühsam durch den Vormittag kämpfen – und an jene, die laut sind, weil es innen schon zu laut ist.

Drei Dinge, die Sie ab morgen ausprobieren können

Gegen Ende bittet Philipp Nussböck um drei konkrete Punkte – und Michaela Hartl bringt einen Bereich ein, der im Schulalltag oft unterschätzt wird: Orientierung und Visualisierung. Dazu kommen Energie-Tankstellen und Wertschätzung. In der Praxis könnten diese drei Felder so aussehen:

  • Klarheit & Visualisierung: Tagesablauf sichtbar machen, Schritte ansagen, Übergänge markieren, Bereiche im Raum kennzeichnen (Arbeitszone, Ruhezone), bei Bedarf Wege visualisieren (z. B. mit Markierungen).
  • Energie-Tankstellen: Rückzugsorte, kurze Pausen, Mini-Bewegung, ruhige Stimulation (z. B. leise Fidgets), individuelle Strategien zum „Auftanken“ – damit das Kind nicht erst im Overload landet.
  • Wertschätzung, die trägt: Stärken konkret benennen, Anstrengung spiegeln, kleine Fortschritte feiern, das Kind nicht auf Defizite reduzieren – und die Klasse in eine Kultur des Helfens führen.

Das sind keine perfekten Lösungen. Aber es sind Stellschrauben, die oft erstaunlich viel verändern – vor allem, weil sie nicht nur „für das eine Kind“ wirken, sondern als Qualitätsgewinn für Unterricht überhaupt.

Schule der Zukunft: Normalität des Andersseins

Am Ende wird der Podcast persönlicher. Michaela Hartl erzählt auch aus eigener Erfahrung, wie es ist, sichtbar „anders“ zu sein – und wie Menschen auf Abweichungen reagieren, wenn sie sie nicht einordnen können. Ihre Vision für die „Klasse 20 Zukunft“ ist deshalb keine technologische, sondern eine kulturelle: Dass Unterschiedlichkeit nicht auffällt wie ein Makel, sondern mitgedacht ist.

Vielleicht ist das der wichtigste Gedanke dieser Folge: Neurodivergenz ist kein Randthema. Sie ist Teil jeder Klasse – diagnostiziert oder nicht. Und jedes Kind, das sich weniger verstellen muss, hat mehr Energie fürs Lernen, fürs Miteinander und fürs Aufwachsen.

Wenn Sie nach dem Hören nur eine Sache mitnehmen wollen, dann vielleicht diese: Sie müssen nicht alles perfekt machen. Aber schon kleine Änderungen im Setting können großen Druck aus einem Kind – und manchmal aus einer ganzen Klasse – herausnehmen.

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