Wie komme ich gegen die kurze Aufmerksamkeitsspanne an?

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Wie können Lehrkräfte Konzentration im Klassenzimmer fördern? Darüber spricht Cecilia Cadman, Leiterin des Primarstufenprogramms bei Teach for Austria, im Podcast #KlasseZwanzigZukunft.

Kurze Aufmerksamkeitsspannen prägen heute viele Klassenzimmer. Manche Kinder können sich kaum fünf Minuten konzentrieren, Störungen häufen sich und Unterricht wird dadurch zur Herausforderung. Wie können Lehrkräfte dennoch Fokus in der Klasse herstellen? Wie geht man mit Störungen um? Welche Rolle spielen klare Strukturen? Und wie können Bewegungseinheiten so gestaltet werden, dass sie die Konzentration tatsächlich fördern? Darüber spricht Philipp Nussböck im Podcast #KlasseZwanzigZukunft mit Cecilia Cadman. Sie war selbst Lehrerin und leitet heute das Primarstufenprogramm bei Teach for Austria.

Unterricht ist ein Handwerk

Die Situation ist vielen Lehrkräften vertraut: Kaum hat die Stunde begonnen, rutschen einige Schüler*innen bereits unruhig auf ihren Stühlen hin und her, flüstern miteinander oder verlieren die Konzentration. Gerade junge Lehrkräfte fragen sich dann: Liegt das an mir? Mache ich etwas falsch? Die Antwort von Cecilia Cadman ist beruhigend – und gleichzeitig ermutigend. Denn Aufmerksamkeit und konzentriertes Arbeiten entstehen nicht zufällig. Sie lassen sich gezielt fördern.

„Das Schöne ist: Unterrichten ist ein Handwerk, das du üben und in dem du besser werden kannst – egal, wie viel Erfahrung du hast.“

Gute Unterrichtsführung entsteht nicht nur durch Talent oder Erfahrung. Sie ist auch das Ergebnis von bewusst eingeübten Techniken. Cecilia Cadman verweist dabei auf das international bekannte Buch „Teach Like a Champion“ von Doug Lemov. Darin wurden zahlreiche konkrete Methoden gesammelt, die erfolgreiche Lehrkräfte im Unterricht einsetzen. Die zentrale Idee dahinter: Gute Lehrkräfte arbeiten oft mit kleinen, klaren Routinen – und genau diese lassen sich lernen und trainieren.

In Fortbildungen erlebt Cecilia Cadman immer wieder, dass sowohl Junglehrkräfte als auch sehr erfahrene Pädagog*innen davon profitieren. Die Botschaft dahinter ist wichtig: Niemand muss von Anfang an perfekt unterrichten. Aber jede Lehrperson kann ihre Praxis Schritt für Schritt verbessern. Genau hier setzt das Gespräch im Podcast an: mit konkreten Strategien, die Lehrkräfte sofort im Unterricht ausprobieren können.

Wenn Aufmerksamkeit zur Herausforderung wird

Viele Lehrkräfte beobachten derzeit, dass sich die Konzentrationsfähigkeit von Schüler*innen verändert hat. Gründe dafür gibt es viele: digitale Medien, ein Alltag mit ständigem Reizüberfluss oder auch die Erfahrungen der Pandemie. Doch anstatt die Situation als unveränderlich hinzunehmen, schlägt Cecilia Cadman einen anderen Blickwinkel vor. Sie empfiehlt, Unterricht stärker als gestaltbaren Prozess zu verstehen. Ein Faktor spielt dabei eine besonders große Rolle: Strukturen und Routinen im Unterricht. Denn wenn Schüler*innen genau wissen, was sie erwartet, fällt es ihnen deutlich leichter, sich auf Inhalte zu konzentrieren.

„Schüler*innen sollten vor jeder Stunde wissen, was auf sie zukommt. Denn Ablenkung entsteht oft, wenn man sich nicht auskennt.“

Diese Vorhersehbarkeit entlastet das Arbeitsgedächtnis. Kinder müssen ihre Energie dann nicht mehr darauf verwenden, herauszufinden, was gerade passiert, sondern können sich darauf konzentrieren, was sie lernen sollen.

Struktur hilft besonders Kindern mit Schwierigkeiten

Besonders deutlich zeigt sich die Bedeutung klarer Strukturen bei Kindern mit Konzentrationsschwierigkeiten oder Neurodivergenz. Viele dieser Schüler*innen profitieren enorm davon, wenn Unterricht vorhersehbar abläuft. Cecilia Cadman verweist hier auch auf internationale Beispiele.

„Schulen in herausfordernden Gegenden Londons – vergleichbar mit Teilen von Wien – zeigen: Unterricht mit klaren Routinen, Regeln und Konsequenzen funktioniert.“

In Schulen in herausfordernden Gebieten Londons beginnt Unterricht oft in jeder Klasse auf ähnliche Weise, Regeln gelten schulweit und Konsequenzen sind klar definiert. Diese Einheitlichkeit schafft Sicherheit. Schüler*innen verwenden ihre Energie dann weniger stark darauf, auszuloten, wie weit sie gehen können, sondern stärker aufs Lernen.

Fairness statt Strenge

Interessant ist dabei eine Beobachtung aus der Praxis: Kinder bewerten Lehrkräfte selten danach, ob sie streng oder locker sind. Entscheidend ist vielmehr die Frage der Fairness. Wenn Regeln klar sind und für alle gelten, entsteht Sicherheit. Wenn Regeln dagegen je nach Situation unterschiedlich angewendet werden, entsteht Unsicherheit – und damit auch mehr Störungen. Deshalb ist es wichtig, Erwartungen regelmäßig zu kommunizieren. Zum Beispiel gleich zu Beginn einer Stunde:

  • Was erwarte ich heute von der Klasse?
  • Wie arbeiten wir heute zusammen?
  • Welche Regeln gelten?

Diese Klarheit erleichtert es Schüler*innen, ihr Verhalten daran auszurichten.

Was Schulen strukturell beitragen können

Neben der einzelnen Unterrichtsstunde spielt auch die Schule als Organisation eine wichtige Rolle. Ein Thema, das Cecilia Cadman im Podcast besonders deutlich anspricht, ist der Umgang mit Smartphones. Uneinheitliche Regelungen führen schnell zu Konflikten: Wenn manche Klassen Handys nutzen dürfen und andere nicht, entsteht Unruhe. Klare, schulweite Regeln können hier viel Entlastung schaffen.

Weitere wichtige Faktoren sind:

  • Lärm reduzieren, etwa durch geschlossene Türen oder ruhigere Arbeitsphasen
  • klare Schulregeln, die in allen Klassen gelten
  • gemeinsame Routinen, etwa für den Beginn oder das Ende von Stunden

Solche Strukturen wirken oft stärker, als man zunächst denkt.

Ein starker Start in die Stunde

Ein besonders wirksames Werkzeug ist eine Methode mit dem einfachen Namen „Do Now“.

Die Idee: Sobald die Stunde beginnt, arbeiten alle Schüler*innen an einer kurzen Aufgabe. Diese dauert nur wenige Minuten und bezieht sich direkt auf Inhalte der vorherigen Stunde. Das Ziel ist klar: Die Klasse kommt sofort in einen konzentrierten Arbeitsmodus.

Der Ablauf ist dabei bewusst einfach:

  • Die Aufgabe steht bereits an der Tafel oder auf einem Arbeitsblatt.
  • Sie knüpft an bereits bekannte Inhalte an.
  • Sie dauert etwa fünf Minuten.
  • Die Schüler*innen arbeiten selbstständig.

Währenddessen kann die Lehrperson in Ruhe ankommen, Materialien vorbereiten und den Überblick über die Klasse gewinnen. Der Effekt ist bemerkenswert: Statt eines hektischen Stundenbeginns entsteht eine ruhige und konzentrierte Atmosphäre.

Bewegung – aber richtig eingesetzt

Ein häufiges Thema in Klassenzimmern ist der Bewegungsdrang vieler Kinder. Besonders in längeren Arbeitsphasen fällt es ihnen schwer, ruhig zu sitzen. Bewegung kann tatsächlich helfen, sagt Cecilia Cadman – allerdings nur unter bestimmten Bedingungen.

„Bewegung hilft bei der Konzentration, aber nur, wenn sie absehbar und ritualisiert ist. Sonst kann sie sogar kontraproduktiv sein.“

Spontane Bewegungseinheiten, die plötzlich eingeschoben werden, können Kinder sogar zusätzlich aus dem Gleichgewicht bringen. Wirksamer sind kurze, klar strukturierte Bewegungspausen. Ein sichtbarer Timer kann dabei helfen, den Ablauf transparent zu machen. Die Schüler*innen wissen dann genau, wann die nächste Pause kommt. Auch die Art der Bewegung spielt eine Rolle. Manchmal helfen aktivierende Übungen – manchmal eher beruhigende Atemübungen oder Dehnungen.

Wenn einzelne Schüler*innen stören

Kaum eine Situation fordert Lehrkräfte so sehr heraus wie wiederkehrende Störungen einzelner Schüler*innen. Auch hier empfiehlt Cecilia Cadman zunächst einfache, unaufdringliche Strategien. Eine kleine Intervention reicht oft aus. Die wichtigste Regel lautet: so wenig Aufmerksamkeit wie möglich auf die Störung lenken.

„Als Lehrperson kann ich Störungen ohne viel Ablenkung beseitigen, indem ich kurz unterbreche und mit einem Blick signalisiere: Das ist nicht okay. Das muss aber sehr frühzeitig passieren.“

Der entscheidende Punkt ist der Zeitpunkt. Wenn Lehrkräfte früh reagieren, reicht oft ein kurzer Blick oder eine kurze Unterbrechung. Wird eine Störung dagegen zu lange ignoriert, muss später viel stärker eingegriffen werden. Darüber hinaus helfen klare Konsequenzen – vorausgesetzt, sie sind für alle transparent. Schüler*innen akzeptieren Regeln vor allem dann, wenn sie als fair wahrgenommen werden.

Wenn Unterstützung notwendig wird

Manchmal stoßen Lehrkräfte dennoch an ihre Grenzen. Dann ist es wichtig, nicht allein zu bleiben. Gerade Junglehrkräfte profitieren davon, Kolleg*innen einzubeziehen. Ein zweites Paar Augen kann helfen, Situationen objektiver einzuschätzen. Auch Gespräche mit Eltern sollten frühzeitig stattfinden. Dabei empfiehlt Cecilia Cadman eine klare Haltung: Zusammenarbeit statt Konfrontation. Lehrkräfte, Eltern und Kind bilden ein gemeinsames Team. Die Frage lautet nicht: Wer hat Schuld? Sondern: Was können wir gemeinsam tun? Natürlich gibt es auch Situationen, in denen es nötig ist, Schulpsychologie oder -sozialarbeit einzubinden.

Drei Dinge, die Sie morgen ausprobieren können

Am Ende des Podcasts bittet Philipp Nussböck seine Gesprächspartnerin um drei konkrete Tipps für den nächsten Unterrichtstag. Die Vorschläge von Cecilia Cadman sind bewusst einfach gehalten, können aber bereits viel verändern:

  • Starten Sie jede Stunde mit einem „Do Now“. Eine kurze Aufgabe sorgt sofort für Fokus.
  • Planen Sie ritualisierte Bewegungspausen. Kurze, vorhersehbare Einheiten helfen der Konzentration.
  • Formulieren Sie klare Erwartungen. Sagen Sie zu Beginn der Stunde, welches Verhalten Sie erwarten.

Wie könnte eine Schule der Zukunft aussehen, in der Konzentrationsmangel kein großes Thema mehr ist? Cecilia Cadman plädiert für handyfreie Schulen und klare, einheitliche Strukturen und Regeln.

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