Wie politisch darf Unterricht sein?

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Titelbild Magazin Podcast18

Wie können Lehrkräfte politische Bildung so vermitteln, dass Jugendliche zu mündigen Bürger*innen werden? Darüber spricht der PolEdu-Mitgründer Christian Pöltl-Dienst im Podcast #KlasseZwanzigZukunft.

Wie gehen Lehrkräfte damit um, wenn politische Fragen in der Klasse auftauchen? Wie neutral müssen sie bleiben? Wie können sie junge Menschen ermutigen, selbst aktiv an gesellschaftlichen Prozessen teilzunehmen? Genau darüber spricht die damalige öbv-Geschäftsführerin Christina Hauer in einer Folge des Podcasts #KlasseZwanzigZukunft mit Christian Pöltl-Dienst. Er war zehn Jahre lang Lehrer an einer Wiener AHS und hat die Plattform PolEdu mitgegründet, die politische Bildung in Österreich stärkt. Das Gespräch zeigt, dass Politische Bildung mehr ist als Institutionenkunde, sondern die Lebenswelt der Schüler*innen unmittelbar betrifft.

„Politische Bildung muss bei der Lebenswelt der Schüler*innen andocken und aufzeigen, inwiefern das politisch ist. Oft denken junge Menschen, sie sind nicht politikinteressiert, und dann merken sie: eigentlich doch!“

„Junge Menschen sind nicht politikverdrossen“

Einer der ersten Mythen, den Christian Pöltl-Dienst im Gespräch ausräumt, ist die angebliche Politikverdrossenheit der Jugend. Viele Jugendliche würden sich zunächst selbst nicht als politikinteressiert wahrnehmen, erzählt er. Doch sobald Themen wie Klimawandel, Bildung, Migration oder Kriege im Unterricht aufgegriffen werden, merken sie: Das ist auch alles Politik. Und das betrifft mich ganz direkt. Politische Bildung soll daher an der Lebenswelt der Schüler*innen anknüpfen. Nur so kann es gelingen, aus vermeintlichem Desinteresse echtes Engagement zu wecken.

„Junge Menschen sind politikverdrossen? Nein! Vielleicht parteienverdrossen, vielleicht politiker*innenverdrossen, aber sicher nicht politikverdrossen, ganz im Gegenteil!“

Neutralität – geht das überhaupt?

Ein zentraler Punkt des Gesprächs ist die Frage nach der Neutralität von Lehrkräften. Viele hätten Angst davor, „sich die Finger zu verbrennen“, sagt Christian Pöltl-Dienst. Beschwerden von Eltern oder die Sorge, junge Menschen zu manipulieren, spielen dabei eine Rolle.

„Es gibt keinen unpolitischen Unterricht. Allein die Themensetzung ist schon eine Positionierung aus der persönlichen Haltung heraus.“

Aber: Allein dadurch, welche Themen man für den Unterricht auswähle, setze man bereits Schwerpunkte und beeinflusse den Unterricht in eine bestimmte Richtung – aus der eigenen politischen Haltung heraus. Ob man die Bundespräsidentenwahl oder einen internationalen Konflikt behandelt, sei nie zufällig, sondern beruhe auf persönlichen Einstellungen und Erfahrungen der Lehrkraft. Wichtig sei es daher, die eigene Position zu reflektieren und transparent zu machen. Neutralität bedeutet nicht, keine Haltung zu haben, sondern sie bewusst in einem ausgewogenen Rahmen einzubringen.

Wenn Diskussionen emotional werden

Politik ist oft emotional – auch im Klassenzimmer. Doch statt Angst davor zu haben, empfiehlt Christian Pöltl-Dienst, genau das zuzulassen und auch emotionalere Diskussionen auszuhalten. Er rät, solche Momente als Chance zu begreifen, die Diskursfähigkeit der Jugendlichen zu fördern. Dazu gehört, dass sie lernen, andere Meinungen auszuhalten, Gegenargumente sachlich zu prüfen und auch zu akzeptieren, einmal nicht Recht zu haben.

„Politische Bildung ist etwas ganz Persönliches. Es ist okay, wenn es emotional wird.“

Lehrkräfte können dabei verschiedene Rollen einnehmen: manchmal Moderator*in, manchmal Advokat*in einer Mindermeinung, manchmal schlicht Beobachter*in. Entscheidend sei, bewusst zu steuern, wann man eine eigene Haltung einbringt und wann man zurücktritt.

Darf ich mit meiner Klasse auf eine Demo gehen?

Immer wieder taucht in Schulen die Frage auf: Darf man mit Schüler*innen auf eine Demonstration gehen? Christian Pöltl-Dienst sagt: „Es kommt darauf an, zu welcher Demo.“ Wichtig sei Freiwilligkeit und Transparenz. Nie dürfe das Gefühl entstehen, die Lehrkraft zwinge ihre persönliche Haltung auf.

Auch das Einladen von Politiker*innen ins Klassenzimmer ist möglich – mit einigen Rahmenbedingungen. Manche Funktionsträger*innen wie der Bundespräsident oder die Bildungsministerin dürfen allein eingeladen werden. Bei anderen sollte auf Ausgewogenheit geachtet werden, ähnlich wie bei einer Fernsehdiskussion.

„Es gibt ganz tolle externe Angebote. Liebe Lehrer*innen, ihr müsst nicht alles alleine schultern! Das ist ganz wichtig.“

Christian Pöltl-Dienst empfiehlt außerdem sehr, externe Expert*innen einzubinden – ob Journalist*innen, Völkerrechtler*innen oder NGOs. Sie könnten Diskussionen fachlich bereichern und Lehrkräfte entlasten, die nicht immer auf alle Fragen vorbereitet sein können.

Positionierung ist erlaubt

Ein heikler Punkt ist die Grenze zwischen Wertevermittlung und Indoktrination. Hier setzt Christian Pöltl-Dienst ein klares Zeichen: Bei Demokratie, Menschenrechten, Rechtsstaatlichkeit und Wissenschaftlichkeit gibt es keinen neutralen Raum. Lehrkräfte dürften sich hier nicht nur positionieren – sie müssten es sogar. Kritik an Institutionen oder politischen Entscheidungen sei selbstverständlich erlaubt. Doch die Grundwerte einer liberalen Demokratie seien nicht verhandelbar. Lehrkräfte, so sein Appell, sollten hier keine falsche Scheu haben.

„Es gibt gewisse Werte, da dürfen oder müssen wir uns positionieren: wenn es um Demokratie, Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit geht.“

Politische Bildung ohne Wahlrecht?

Ein großes Problem sieht Christian Pöltl-Dienst darin, dass viele Jugendliche in Österreich vom Wahlrecht ausgeschlossen sind – obwohl sie hier geboren wurden oder seit Jahren leben. Für ihn ist das ein demokratiepolitisches Problem.

Doch auch ohne Wahlrecht gebe es Möglichkeiten, politische Teilhabe zu fördern:

  • Schüler*innenzeitungen und Schüler*innenparlamente bieten Chancen, demokratische Prozesse im Kleinen zu erleben.
  • Projekte wie die „Pass Egal Wahl“ von SOS Mitmensch ermöglichen symbolische Abstimmungen, bei denen alle Jugendlichen ihre Stimme abgeben können.
  • Der Schulalltag selbst kann stärker demokratisch gestaltet werden – etwa durch Mitbestimmung bei Themenwahl oder Unterrichtsmethoden.

So lernen Schüler*innen, dass Demokratie mehr ist als ein Kreuzerl am Wahlzettel.

Medienkompetenz und Fake News

Ein weiterer Schwerpunkt im Gespräch ist die Rolle von Medien. Jugendliche informieren sich heutzutage kaum noch durch die klassische „Zeit im Bild“, sondern sind häufig stundenlang auf TikTok oder Instagram unterwegs – und dort der Gefahr von Echokammern und Fake News ausgesetzt. „Es ist so leicht wie nie, an Wissen zu kommen – aber auch so leicht wie nie, an Fake News zu kommen“, warnt Christian Pöltl-Dienst. Lehrkräfte hätten hier die Aufgabe, Jugendliche bei der Unterscheidung von Fakt und Fake zu unterstützen.

Externe Angebote wie Lie Detectors, die Journalist*innen in Schulen bringen, seien dabei wertvolle Partner. Auch PolEdu selbst nutzt Social Media, um täglich Politik einfach und verständlich für junge Menschen aufzubereiten.

Drei Tipps für die Praxis

Zum Abschluss fasst Christian Pöltl-Dienst seine wichtigsten Empfehlungen für Lehrkräfte zusammen:

  1. Mutig sein: Politische Bildung braucht Haltung und oft auch etwas Mut.
  2. Auf Schüler*innen hören: Welche Themen sie bewegen, ist der Schlüssel zu Engagement.
  3. Offen und spannend gestalten: Emotionen zulassen, Diskussionen moderieren und Demokratie im Klassenzimmer erlebbar machen.
„Lehrer*innen sind eine überdurchschnittlich politikinteressierte und -kompetente Gruppe. Aber sie haben überdurchschnittlich Angst davor, sich die Finger zu verbrennen. Mein Appell: Traut euch!“

Gefragt nach seiner Vision für die Schule der Zukunft, beschreibt Christian Pöltl-Dienst einen offenen, durchlässigen Unterricht: klassenübergreifend, projektorientiert, verbindend – und vor allem handlungsorientiert. Schulen sollten Orte sein, an denen Mauern zwischen Entscheidungstragenden und jungen Menschen eingerissen werden. Damit aus Jugendlichen mündige Bürger*innen, braucht es Räume für Dialog, Beteiligung und das Erleben von Demokratie im Alltag. Für Lehrkräfte bedeutet das: Sie dürfen und sollen politisch sein, solange sie reflektiert und ausgewogen agieren.

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