Psychische Gesundheit ist ein relevantes Thema an österreichischen Schulen. Dieser Artikel versammelt Perspektiven aus Wissenschaft, Schule und Politik und zeigt erste Lösungsansätze auf.
Dieser Artikel ist Teil des öbv-Whitepapers „Mental Health im Klassenzimmer“.
Die psychische Gesundheit der Schüler*innen ist angespannt – das betont Bildungsminister Christoph Wiederkehr auf unsere Anfrage hin als erstes: „Wir müssen davon ausgehen, dass der Einfluss sozialer Medien, Zukunftsängste und Nachwirkungen der Pandemie die Belastung vieler Jugendlicher deutlich erhöhen.“ Die verfügbaren wissenschaftlichen Studien bestätigen das, auch wenn laut Marco Lüftenegger die Datenlage nicht gut ist und repräsentative Studien zu längsschnittlichen Entwicklungen fehlten. Der Bildungspsychologe berichtet: „Seit 2010 nehmen bei Schüler*innen depressive Symptome, Angststörungen und Selbstverletzungen kontinuierlich zu, und die Lebenszufriedenheit sinkt. Besonders betroffen sind ältere und genderdiverse Jugendliche sowie Mädchen.“ Anonyme Berichte, die Schüler*innen aus dem öbv-Jugendbeirat niedergeschrieben haben, bekräftigen diese Studienlage. Einige der Schilderungen machen sehr betroffen. Mehr dazu finden Sie im Artikel „Eine Depression ist keine Ausrede“.
Auch Lehrkräfte können das bestätigen. Mittelschullehrerin Bich Bui erklärt: „Die psychische Belastung von Schüler*innen nimmt zu. Leistungsdruck durch den Schulstoff stellt besonders für Schüler*innen mit Traumata oder Lernschwierigkeiten eine große Herausforderung dar und führt oft zu Frustration und Unsicherheit. Ohne Erfolgserlebnisse entstehen Desinteresse oder gar Unterrichtsstörungen. Zusätzlich belasten soziale und digitale Medien sowie Suchtprobleme die Entwicklung und können Schlafmangel, Mobbing, Gewalt und ein verzerrtes Selbstbild fördern.“ Daniela Loinger, die ebenfalls an einer Mittelschule unterrichtet, ergänzt: „Schüler*innen sind teilweise aufgrund ihrer familiären Situation sehr belastet. Sie fühlen sich durch zu hohe Anforderungen überfordert und bekommen oft wenig Unterstützung von ihren Eltern. Der Handykonsum wird meist nicht überprüft, weder die Dauer noch die Inhalte. Die Kinder sind mit vielem allein. Die Klasse ist da für Kinder wichtig als stabiler Ort mit Regeln und Grenzen, aber auch mit der Möglichkeit, sich zu entfalten.“
Marco Lüftenegger kann einige dieser Praxisbeobachtungen untermauern: „Auch wenn Studien, die klare kausale Effekte belegen, noch rar sind, verdichtet sich die internationale Befundlage, dass die Benutzung von Smartphones und der Konsum sogenannter ‚sozialer‘ Medien zentrale Belastungsfaktoren darstellen.
Dazu kommt die Polykrise der letzten 10 Jahre, unter anderem die Nachwirkungen der COVID-19-Pandemie, die Klimakrise, familiäre finanzielle Unsicherheit sowie Kriege in der Nachbarschaft, die auch Kinder und Jugendliche mit Kriegs- und Fluchterfahrungen mit sich bringen.“ Die Jugendlichen selbst nennen Leistungsdruck und Prüfungsphasen mit mehreren Testungen pro Woche als größten Belastungsfaktor ihrer psychischen Gesundheit im Schulkontext.
Häufig stehen Erwachsene diesen psychischen Belastungen hilflos gegenüber und wissen nicht, wie damit umzugehen ist. Golli Marboe, Gründer der Mental Health Days, berichtet: „Mit meinem Wissen von heute hätte ich auf die Krise meines durch Suizid verstorbenen Sohnes Tobias anders reagieren können. Wir wissen alle, was es zu tun gilt, wenn man sich das Bein bricht, aber kaum jemand weiß, was es zu tun gibt, wenn jemand über Wochen trübsinnig ist, gar nicht mehr aus der Wohnung kommt oder Dinge sagt, die nicht stimmen können.“
Den größten Handlungsbedarf sieht Golli Marboe in der Prävention. Gerade für junge Menschen gebe es in Österreich zahlreiche außerschulische Unterstützungsangebote. Diese seien jedoch unter Jugendlichen nicht ausreichend bekannt. Vierzig Prozent jener über 8000 Jugendlichen, die an der Mental-Health-Days-Studie teilgenommen haben, geben an, noch nie etwas über psychische Hilfsangeboten im Internet wahrgenommen zu haben, nicht einmal „Rat auf Draht“ oder die Ö3-Kummernummer. Golli Marboe fordert daher, dass solche Angebote im Unterricht wirksam bekannt gemacht werden müssen – und zwar idealerweise zu einem Zeitpunkt, an dem die Kinder selbst noch nicht belastet sind. Er weiß: „Wenn man nämlich ein mentales Thema hat, dann fällt die Recherche nach Hilfseinrichtungen derzeit doppelt schwer.“
Was trägt dazu bei, dass Jugendliche sich durch digitale Medien und multiple Krisen weniger belastet fühlen? In der Mental-Health-Days-Studie 2025 wies nur eine Gruppe mehr Lebenszufriedenheit auf als der Durchschnitt der jungen Menschen: solche, die überdurchschnittlich häufig Nachrichten in Qualitätsmedien konsumieren. Golli Marboe befindet: „Journalistische Informationen, die unterschiedliche Blickwinkel aus verschiedenen Quellen vorstellen, führen dazu, dass Rezipient*innen mehr von einer Sache erfahren, deshalb weniger Angst vor dieser Sache haben und außerdem selbst ermächtigt sind zu entscheiden, welche der präsentierten Informationen für deren eigene Lebenswelt wirklich Relevanz hat.“ Deshalb hält er auch Medienbildung für entscheidend. Mehr zum Thema digitale Medien finden Sie im Artikel „Wie Smartphone & Social Media die Psyche belasten“, mehr zu den Mental Health Days finden Sie im Artikel „Mental Health Days“.
Die Schüler*innen aus dem öbv-Jugendbeirat fordern: „Psychische Gesundheit sollte in der Schule mehr thematisiert werden“ – und zwar am besten nicht nur punktuell, sondern regelmäßig. Eine Person erzählt: „Bei uns gibt es in der Schule einmal im Jahr einen Workshop zu psychischer Gesundheit von den ‚Mental Health Days‘. Das ist an sich ziemlich interessant. Die Themen waren bis jetzt Sucht, Essstörungen und Mobbing. Leider war das immer nur eine Stunde lang.“ Die Jugendlichen berichten: „Oft fällt es nicht auf, dass es jemandem nicht gut geht. Deswegen sollten Schüler*innen die Möglichkeit haben, mit einer Vertrauensperson zu sprechen, die kein Elternteil und keine Lehrkraft ist.“ Aber das sei nicht so einfach. Mehrere der Jugendlichen berichten, dass es zwar eine Schulpsychologin gebe, die aber nur selten vor Ort sei und die Termine stets ausgebucht seien.
Bui drückt es so aus: „Der Schulalltag von uns Lehrkräften ist geprägt von Hektik, Zeitmangel und dem konstanten Lösen von Herausforderungen. Wir übernehmen nicht nur vielfältige Aufgaben, sondern auch zahlreiche Rollen. Diese Verantwortung kann zu permanenter Mehrfachbelastung und Stress führen, sodass die Freude am Unterrichten verloren zu gehen droht. Der Glaubenssatz: ‚Ich schaff das schon!‘ mündet in Erschöpfung und schließlich Burnout.“ Tatsächlich ergeben verschiedene Studien, dass rund die Hälfte der Lehrkräfte starke Erschöpfung verspürt und ein hohes Burnout-Risiko aufweist. Lehrerin Daniela Loinger erlebt ebenfalls, dass aufgrund von Überlastung und fehlender Unterstützung eigentlich engagierte Lehrkräfte in Frust und Resignation enden.
Was belastet Lehrkräfte am meisten? Daniela Loinger meint: „Viele erzieherische Aufgaben leisten zu müssen, damit Unterrichten überhaupt möglich ist – und viel Bürokratie und administrative Aufgaben, aber auch Testungen wie IKM+.“ Laut Bich Bui ist es das Zusammenspiel aus vielen Faktoren: „Dazu gehört, den vielen Rollen und Tätigkeiten gerecht zu werden und guten Unterricht für alle Schüler*innen zu gestalten. Letzteres ist oft herausfordernd in einer Klasse mit schwierigen Schüler*innen.“
Was ist zu tun, um Lehrkräfte zu unterstützen und zu entlasten? Dabei scheinen sich alle recht einig zu sein. Bich Bui fordert: „Der Aufgabenbereich von Lehrkräften sollte klar definiert sein, während mehr Fachpersonal bei Tätigkeiten außerhalb des Kernbereichs unterstützt. Weniger Bürokratie und Hilfe bei administrativen Aufgaben in der Klassenführung muss selbstverständlich sein. Langfristig würden Supervision, kollegialer Austausch, Mentoring und regelmäßige Reflexionszeiten helfen.“ Das unterstützt auch Daniela Loinger. Sie wünscht sich Supervision direkt am Schulstandort, Gelegenheit für Teambuilding und Austausch mit Kolleg*innen – aber auch ausreichend Budget für Workshops. Besonders wichtig wäre es ihr, dass multiprofessionelle Teams, etwa bestehend aus Sozialarbeiter*innen und Beratungslehrkräften, täglich am Standort verfügbar sind. Marco Lüftenegger erklärt dazu passend: „Es braucht flächendeckende Unterstützung durch externe multiprofessionelle Teams aus klinischer Psychologie, Sozialarbeit, Sozialpädagogik und Logotherapie. Diese Teams übernehmen Aufgaben, für die Lehrkräfte nicht zuständig und auch nicht ausgebildet sind: psychosoziale Beratung, Krisenintervention, aber auch, wenn notwendig, die Weiterleitung ins Gesundheitssystem. Bis zu einem bestimmten Alter erscheint es mittlerweile jedoch auch notwendig, die Schulen frei von Smartphones zu halten.“
Multiprofessionelle Teams als zentrale Maßnahme – dieses Anliegen unterstützt auch Bildungsminister Christoph Wiederkehr. Er betont: „Der Fokus liegt auf dem Ausbau bestehender Unterstützungsstrukturen sowie einer besseren Vernetzung von schulischen und außerschulischen Angeboten. Wir setzen auf mehr Schulpsychologie, multiprofessionelle Teams und niederschwellige Beratungsangebote. Parallel stärken wir Lehrkräfte durch Fortbildung und entlasten sie organisatorisch. Erfolg messen wir langfristig an sinkenden Belastungsindikatoren, besseren Betreuungsschlüsseln sowie den Rückmeldungen von Schülerinnen und Schülern, Eltern sowie Pädagoginnen und Pädagogen.“
Es bleibt also zu hoffen, dass an Schulen in naher Zukunft tatsächlich Schulpsychologinnen, Sozialarbeiter und ähnliche Berufsgruppen in relevanter Anzahl Lehrkräfte und Schüler*innen begleiten – und sich die positiven Effekte auch in den Studien und Praxisberichten niederschlagen.
Dieser Artikel ist Teil des öbv-Whitepapers „Mental Health im Klassenzimmer“.